25. November 2012 11:13 Dachverband Deutscher Burschenschaften Abschied von jeglicher Liberalität

Der Dachverband Deutscher Burschenschaften vollzieht den Rechtsruck: Ein ultrakonservativer Bund wird zukünftig den Vorsitz führen. Anträge zum Ausschluss rechtsextremer Burschenschaften scheitern, auch über den "Arier-Nachweis" wird nicht entschieden.

Von Antonie Rietzschel

Burschenschafter in Stuttgart: Jenseits jeglicher Liberalität

(Foto: dpa)

Wie deutsch soll ein Burschenschafter sein? Wie ist mit rechtsextremem Gedankengut zu verfahren? Auf diese Fragen hat das außerordentliche Treffen der mehr als 115 Einzelbünde des Dachverbandes Deutscher Burschenschaften (DB) keine Antworten gegeben. Nur eines ist klar: Der DB rückt nach rechts.

Auf dem Treffen in Stuttgart, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wurde die Teutonia Wien zur Vorsitzenden Burschenschaft gewählt. Sie gehört zum Zusammenschluss Burschenschaftliche Gemeinschaft, der auch Bünde zu seinen Mitgliedern zählt, die zeitweise vom Verfassungsschutz beobachtet wurden.

Zwei von ihnen sollten per Antrag aus dem Dachverband ausgeschlossen werden. Doch es kam gar nicht erst zur Abstimmung. Dazu hätte die Satzung des Dachverbandes geändert werden müssen. Der entsprechende Antrag einer Burschenschaft aus München sei jedoch abgelehnt worden, berichten Teilnehmer. Überhaupt sei die Mehrzahl der Forderungen liberal-konservativer Burschenschaften abgeschmettert worden.

Die Diskussion über Deutschstämmigkeit als Aufnahmekriterium in eine Burschenschaft wurde nach Informationen von Süddeutsche.de vertagt. Somit seien drängende Fragen nicht geklärt, heißt es aus Kreisen liberaler Buschenschafter. Dass sich der DB während des Treffens vom Nationalsozialismus distanziert habe, sei nicht überraschend. In den Diskussionen sei rechtes Gedankengut geäußert worden.

Lediglich die Absetzung von Schriftführer Norbert Weidner wurde abgenickt. Weidner, Mitglied bei den Bonner Raczecks, hatte einen Leserbrief in deren Zeitung, dem Bundesbrief, veröffentlicht. Darin bezeichnete er den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter". Derzeit läuft deswegen ein Verfahren gegen ihn. Außerdem veröffentlichte er ein Interview mit dem sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten und Burschenschafter Arne Schimmer, der für einen "differenzierten Blick auf das Dritte Reich" plädierte.

Christian Becker von der Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis" bezeichnet Weidner als "Bauernopfer". Dessen Absetzung sei ein Versuch, die liberal-konservativen Bünde vom Austritt abzuhalten. Diese Strategie geht jedoch nicht wirklich auf. "Während des Treffens wurde immer klarer, dass bestimmte Ansichten einfach nicht zusammenpassen", sagt Michael Schmidt, Sprecher des als liberal geltenden Zusammenschlusses Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ). Die Bünde würden nun über den Austritt nachdenken.

Der Dachverband erklärt die außerordentliche Sitzung dagegen zum Erfolg: "Entgegen aller Unkenrufe stellte die Deutsche Burschenschaft ihre Fähigkeit zur Lösung schwieriger Situationen unter Beweis", heißt es in einer offiziellen Erklärung. Darin kommt auch das Wort "Extremismus" vor, jedoch in Verbindung mit einem Angriff auf den Veranstaltungsort. Am Vorabend hatten Unbekannte die Fenster der Sängerhalle zerschlagen. Linke Extremisten hätten mal wieder den Boden der Rechtsstaatlichkeit verlassen, heißt es dazu: "Damit wurde einmal mehr unter Beweis gestellt, daß Terror in erster Linie von linker Seite kommt, während die in den Medien so oft gescholtenen Burschenschafter sich stets auf dem Boden der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung bewegen."

Diese demokratische Erdung steht aber in Frage. Auch der Verfassungsschutz hat sich für das Treffen in Stuttgart interessiert. Anderthalb Jahren dauert bereits der Streit, wie mit rechtsextremen Tendenzen im Dachverband umgegangen werden soll:

[] Der Antrag zur Einführung eines "Arier-Nachweises" über die Deutschstämmigkeit von Mitgliedern der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczecks zu Bonn hatte im Juni vergangenen Jahres für Aufregung gesorgt. Christian Becker, damals noch "Alter Herr" der Raczecks, gründete die Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis".

[] Während des Burschentags in Eisenach im Juni 2012 stellte die Initiative von Becker einen Antrag zur Auflösung des Dachverbandes. Rechtsextremismus solle nicht länger geduldet und offiziell finanziert werden, hieß es in der Begründung. Doch der Vorstoß scheiterte. Noch während des Burschentages traten fünf Führungsmitglieder zurück, darunter auch Michael Schmidt von der IBZ. Auslöser war die Wiederwahl des Vorstandsmitgliedes Norbert Weidner zum "Schriftleiter" der Dachverbands-Zeitung Burschenschaftliche Blätter.

[] Christian Becker wurde im September dieses Jahres wegen "verbandsschädigendem Verhalten" aus seiner Burschenschaft ausgeschlossen. Auf dem Blog der Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis" prangert er bis heute rechtsextreme Tendenzen in Studentenverbindungen an.

In Stuttgart wollte der Dachverband den Neuanfang versuchen. Michael Schmidt von der IBZ hatte zuvor im Gespräch mit Süddeutsche.de Kompromissbereitschaft signalisiert, gleichzeitig aber auch ein klares Zeichen gegen rechts gefordert. Auch der Sprecher des DB ging vor dem Treffen davon aus, dass sich Liberale und Rechte einigen könnten. Doch eine entsprechende Vorbesprechung zwischen IBZ und der Burschenschaftlichen Gemeinschaft blieb nach Informationen von Süddeutsche.de ohne Erfolg.