Von Thorsten Denkler, Berlin

Mit Ilse Aigner und Karl-Theodor zu Guttenberg verhilft Seehofer zwei Exil-Bayern zum Karrieresprung. Unbedenklich sind beide nicht.

Aigner, dpaGrossbild

Die CSU-Bundestagsabgeordnete Ilse Aigner wird neue Bundesministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. (Foto: dpa)

Dass Horst Seehofer in Berlin nicht leicht zu ersetzen ist, weiß vermutlich kaum einer besser als Horst Seehofer. Der ist jetzt CSU-Parteichef und Ministerpräsident in Bayern. Seit Montag ist das Amt in der Bundeshauptstadt vakant.

Jetzt soll ihm Ilse Aigner nachfolgen, eine bis dato nur Eingeweihten bekannte 43-jährige Bundestagsabgeordnete aus Oberbayern in ihrer dritten Wahlperiode.

Noch ist sie forschungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, aber nicht ganz ohne Erfahrung in ihrem neuen Fachgebiet. Im Haushaltsausschuss des Bundestags hat sie zwischen 2002 und 2005 die Berichterstattung für das Budget des Agrarministeriums gemacht. Zuständige Ministerin damals: Renate Künast von den Grünen.

Wenn Aigner hält, was sich viele in ihrer Partei von ihr versprechen, dann müsste sie der neue Shootingstar in der Bundesregierung werden. Aigners Aufgabe ist schnell umrissen: Sie wird die Landwirte an die Union binden und als frisches Gesicht im Politzirkus versuchen müssen, neue Wählergruppen anzusprechen.

Letzteres ist ihr durchaus zuzutrauen. Reden kann sie, Frau ist sie auch. Das ist schon eine ganze Menge in der CSU. Darüber hinaus hat sie einen für die Kombination Frau und Oberbayern auf den ersten Blick eher untypischen Lebenslauf vorzuweisen.

In ihrem ersten Beruf als Radio- und Fernsehtechnikerin hat sie in schwindelnder Höhe Antennen installiert. Es gibt auch Bilder von ihr, wie sie in einen Hubschrauber steigt. Das sind keine Erinnerungsfotos an einen Tag der offenen Tür am örtlichen Flughafen, sondern Zeugnisse ihrer Weiterbildung: Sie war diejenige, die die Systemelektronik des Hubschraubers mitentwickelt hat.

Eine Wunschkandidatin der Bauern dürfte sie aber nicht sein. Ihr fehlt der Stallgeruch. Außerdem gilt sie als eine Freundin grüner Gentechnik, was die Bauern in Bayern eher nicht sind. Die für die CSU so wichtigen Bauernfunktionäre werden sie wohl erst ausgiebig beschnuppern, bevor sie sich mit ihr anfreunden.

Ihre Besetzung könnte auch konservative Stammwähler abschrecken. Als ihr größter politischer Erfolg gilt die Verschiebung des Stichtages in der Stammzellforschung. Ihrem Engagement ist zu verdanken, das Stammzellforscher jetzt mit frischen Zelllinien versorgt sind. Unter den Lebensschützern in ihrer Partei hat sie dafür erheblich Kritik einstecken müssen.

Karl-Theodor zu Guttenberg - verspöttelt als "junger Baron"

Auch dass sie mit fast 44 Jahren noch ledig ist, könnte im katholischen Bayern nicht jedem gefallen. Ob sie solche Vorbehalte mit ihrem Amt der Vizepräsidentin des Landesverbandes Oberbayern im Bund Deutscher Karneval auszubügeln vermag, ist zumindest fraglich. Der Palin-Faktor, bei Ilse Aigner nicht auszuschließen.

Vielleicht hat Seehofer deshalb einen weiteren Berliner Exilanten zu Höherem berufen. Aigners sieben Jahre jüngerer Fraktionskollege Karl-Theodor zu Guttenberg soll Generalsekretär der CSU werden. Seine Vorgänger, zuletzt die glücklose Christine Haderthauer und Markus Söder, waren fast ausnahmslos in der bayerischen Landtagsfraktion verankert.

Mangelndes Selbstbewusstsein hat ihm noch keiner vorgeworfen. Dafür wird der Prädikatsjurist in der Fraktion gerne als der "junge Baron" verspöttelt. Außerdem gilt er als jemand, der sich mehr auf sich als auf andere verlässt. "Ihm fehlt das Netzwerk, das ein Generalsekretär benötigt", lautet eine Kritik.

Die Personalentscheidungen sprechen deutlich für einen Generationenwechsel in der CSU-Abteilung Berlins - aber auch für die hohe Risikobereitschaft Seehofers.

Weil Bundeswirtschaftsminister Michael Glos auch in den eigenen Reihen als Totalausfall gesehen wird, müssen jetzt die beiden Neuen und Landesgruppenchef Peter Ramsauer die CSU im Bund für die anstehenden Wahlkämpfe auf Europa- und Bundesebene kampagnenfähig machen.

Ramsauers Qualitäten sind bekannt. Er ist ein alter Fuchs und Strippenzieher, der in Bierzelten zur Höchstform auflaufen kann. Er ist das einzig verbliebene Schwergewicht der CSU in Berlin. Die Neuen haben das Zeug dazu, solche Schwergewichte zu werden. Aber die Zeit dafür ist denkbar knapp bemessen.

(sueddeutsche.de/gba/akh)

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Leserkommentare (3)



30.10.2008 17:57:43

wienun: Künast? Wer? . . .

. . . ach so, war das nicht diejenige, für Toyota Werbung machte und nen 420 Ps-Boliden aus Ingolstadt fuhr . . .


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