Von Gerd Zitzelsberger

Kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz in Nairobi wirbt die Internationale Energie-Agentur (IEA) in Paris erstmals in ihrer 32-jährigen Geschichte offen für den Bau neuer Atomkraftwerke in aller Welt.

Ohne Kernenergie sei die weltweite Energieversorgung nicht gesichert, so die IEA. Foto: ddp

In einem Bericht, der den Delegierten der Klimakonferenz bereits vorliegt und der kommende Woche veröffentlicht wird, kommt die Agentur zu dem Ergebnis, dass ohne Atomstrom und neue Kernkraftwerke das Problem der Erderwärmung nicht in den Griff zu bekommen sei.

Überdies sei ohne Nukleartechnik die weltweite Energieversorgung nicht sicher genug, heißt es in der Analyse der Agentur, einer Dachorganisation der westlichen Industrieländer.

Die IEA schreibt zwar, dass eine effizientere Nutzung von Energie das wichtigste Instrument ist, um das Anwachsen des fossilen Energieverbrauchs (und damit die Zunahme des Treibhausgas-Ausstoßes) zumindest zu verlangsamen.

Auch erneuerbare Energien, die den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen vermeiden, könnten einen weit höheren Beitrag zur Energieversorgung liefern als heute. Aber ohne Atomstrom und ohne neue Kernkraftwerke könne man des Problems der Erderwärmung nicht Herr werden, heißt es in dem Bericht.

Derzeit, so schreibt die IEA, befinde sich die weltweite Energiepolitik auf einem Weg, der "risikoanfällig, umweltschädlich und teuer" ist. "Wir brauchen quasi morgen Entscheidungen, sonst kommt es beim Klimawandel zu einem Punkt, von dem an eine Trendumkehr nicht mehr möglich ist", heißt es bei der IEA.

Zu dem überraschend offenen Plädoyer für die Kernenergie hat sich die Agentur offensichtlich auch deshalb entschlossen, weil die Nachfrage nach Energie unverändert groß ist und eher noch steigt - woran nicht einmal die Preisexplosion beim Öl in den vergangenen Jahren etwas geändert hat.

Die Energie- und Umweltpolitik spielte auch eine zentrale Rolle beim Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem britischen Premierminister Tony Blair am Freitagnachmittag in London.

Die Regierung Blair plant, nach Jahrzehnten erstmals wieder den Bau neuer Kernkraftwerke zu genehmigen, und versucht, die Gruppe der acht führenden Industrieländer (G8) zu einer gemeinsamen atomfreundlichen Position zu bewegen. Deutschland übernimmt zum 1. Januar 2007 den Vorsitz der G8. Anders als Großbritannien hat Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen.

(SZ vom 4.11.2006)