Tödlicher Irrtum
Terrorfahndung in London
24.07.2005, 11:56
Der getötete Jean Charles de Menezes. (Foto: AFP)
Die britische Polizei will trotz der Kritik an ihrer Praxis festhalten, Terrorverdächtige im Zweifelsfall per Kopfschuss zu töten. Dazu gebe es keine Alternative, sagte Scotland-Yard-Chef Ian Blair.
Wenn der Verdacht bestehe, dass jemand einen Sprengstoffgürtel trage, sei es unmöglich, ihm in die Brust zu schießen, weil sich dort der Sprengsatz befinden könnte. Auch auf andere Körperteile zu zielen habe keinen Sinn, weil der Attentäter dann die Bombe noch zünden könnte.
Für den Tod des brasilianischen Elektrikers Jean-Charles de Menezes übernahm der Polizeichef die volle Verantwortung. „Das ist eine Tragödie“, sagte Blair. Der Familie des Opfers könne er nur sein tiefes Bedauern aussprechen.
„Ich hoffe, dass sich dies nicht wiederholt.“ Die britische Polizei tue alles, um sich korrekt zu verhalten. Entscheidungen dieser Art würden jedoch in „furchtbaren Zusammenhängen“ getroffen.
Die Menschenrechtsorganisation Liberty verlangte eine „umfassende“ Untersuchung. Iqbal Sacranie, Generalsekretär des Muslimischen Rates in Großbritannien, sagte, er könne den Druck, der auf der Polizei laste, verstehen, aber es müsse „größte Sorge getragen werden, dass unschuldige Menschen nicht auf Grund von Übereifer getötet werden“.
„Wir sind schockiert und perplex“, hieß es einer in Brasilia veröffentlichten Botschaft von Außenminister Celso Amorim. Seine Regierung warte auf die Erklärungen der britischen Behörden „zu den Umständen, die zu dieser Tragödie geführt haben“.
Die brasilianische Zeitung O Globo schrieb von einer „Hinrichtung“. Viele Medien sprachen von „Skandal“, während Angehörige weinend „Gerechtigkeit“ forderten.
Außenminister Amorim, der am Samstag nach London flog, um an Gesprächen über UN-Reformen teilzunehmen, will sich dort wegen des Zwischenfalles auch mit seinem britischen Amtskollegen Jack Straw treffen.
Augenzeugen zufolge flüchteten Fahrgäste in Panik, als die Zivilbeamten den Brasilianer bis in einen Waggon verfolgten. Der Gejagte habe wie ein „in die Enge getriebenes Kaninchen“ gewirkt, berichtete eine Zeugin. Augenzeugen zufolge stand ein Polizist direkt über Menezes, als er ihn mit fünf Schüssen in den Kopf tötete.
Die Familie des Opfers konnte sich die Verfolgungsjagd nicht erklären. „Er hatte keine Lebensgeschichte, die ihm Anlass gegeben hätte davonzulaufen“, sagte Menezes’ Cousin Alex Alves dem brasilianischen Fernsehsender Globo.
Der 27-Jährige sei seit drei Jahren legal im Land gewesen. Er sei auf dem Weg zu seiner Arbeit als Elektriker gewesen, als die Beamten ihn erschossen. Die Polizei hatte erklärt, Menezes sei wegen seiner Kleidung und seines Verhaltens verdächtig erschienen.
So habe der Brasilianer trotz des warmen Sommerwetters einen dicken Mantel getragen. Zudem habe er auf Anweisungen der Zivilfahnder nicht reagiert.
Mehreren Medienberichten zufolge stellte die Polizei unterdessen eine Verbindung zwischen den Attentätern vom 7. Juli und denen vom vergangenen Donnerstag her.
Die Zeitung The Observer berichtete, in einem der sichergestellten Rucksäcke sei ein entsprechender Hinweis gefunden worden. Demnach sollen einige der mutmaßlichen Attentäter vom Donnerstag mit zwei Attentätern vom 7. Juli gemeinsam auf einer Rafting-Tour in Wales gewesen sein.
In einem Park im Nordwesten von London wurde am Samstag ein verdächtiges Päckchen gefunden, das nach Angaben der Polizei mit der Bombenserie vom Donnerstag in Verbindung stehen könnte.
Bei der Polizei gingen nach der Veröffentlichung von Fotos der vier verhinderten Attentäter vom Donnerstag rund 500 Hinweise aus der Bevölkerung ein. Bereits am Freitag waren zwei Männer im Zuge der Fahndung im Stadtteil Stockwell festgenommen worden.
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