Ausgrenzung auf römische Art

    Sinti und Roma

    24.05.2007, 21:38

    Von Stefan Ulrich

    In Rom gibt es für eine Großstadt nur wenige Gewaltverbrechen - und das bei sinkender Tendenz. Trotzdem will der Bürgermeister Tausende Sinti und Roma aus den Slums in weit entfernte Lager verbannen.

    Wer mit dem Ausflugsdampfer den Tiber hinab nach Ostia Antica fährt, der kann sie an beiden Ufern sehen, die Slums von Rom. Eingezwängt zischen dem Fluss, Abfallhaufen, Schrottplätzen und Industriebrachen leben hier Hunderte Menschen in Wellblechhütten, Zelten oder einfach unter Plastikplanen.

    Sie haben kein fließendes Wasser, vom verdreckten Tiber einmal abgesehen. Sie haben keinen Stromanschluss. Sie haben keine Toiletten. "Nomadi", nennen sie die Italiener, Nomaden. Tatsächlich sind viele von ihnen Sinti und Roma aus Rumänien. Andere kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

    Die Römer begegnen diesen Zuwanderern mit einer Mischung aus Toleranz und Ignoranz. Bislang jedenfalls. Nun wollen der Bürgermeister und der Präfekt der Stadt Tausende in vier Lager außerhalb Roms umsiedeln.

    Offensive gegen Drogenhändler und Zuhälter

    Das Projekt ist Teil eines Sicherheitspaktes, den Innenminister Giuliano Amato in diesen Tagen mit Bürgermeister Walter Veltroni geschlossen hat. Ähnliche Bündnisse sollen nun mit allen großen Städten vereinbart werden.

    Sie sehen eine Offensive gegen Drogenhändler und Zuhälter, Straßenräuber, Trickdiebe und gegen die wachsenden Barackensiedlungen in den Metropolen vor. Hunderte neuer Polizisten werden dafür entsandt, "schnelle Eingreiftruppen" geschaffen.

    In Mailand sollen sogar alle Autobahnzugänge mit Video überwacht werden, um die Nummernschilder einfahrender Fahrzeuge überprüfen zu können. Mit der Aktion reagiert die Linksregierung unter Premier Romano Prodi auf ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit im Volk.

    Zuhälterbanden schicken Minderjährige auf den Strich

    So gibt es in Rom zwar, für eine Großstadt, nur wenige Gewaltverbrechen - und das bei sinkender Tendenz. Die Kleinkriminalität aber nimmt zu. Die Bürger fühlen sich im Bus und im Gedränge der Straßen von Banden bedroht, die Handtaschen aufschlitzen, Geldbeutel entwenden, Uhren verschwinden lassen.

    An vielen Orten wird aggressiv gebettelt. Und an den Ausfallstraßen werden minderjährige Mädchen am helllichten Tag von Zuhälterbanden auf den Strich geschickt. Abends liegt oft ein süßlicher Geruch über Rom - er kommt von den Kupferklauern. Sie stehlen Unmengen Kabel, etwa entlang der Bahnstrecken, um dann die Plastikumhüllung abzubrennen und das Metall zu verkaufen.

    Für viele dieser Taten werden in Rom und in anderen Städten Immigranten und besonders die "Nomadi" verantwortlich gemacht, nicht immer zu Recht, aber auch nicht immer zu Unrecht. Etlichen der Zuwanderer fehlt es offenbar sowohl am Willen wie an der Möglichkeit, sich in Italien zu integrieren.

    Tatsächlich haben die Menschen in den Barackensiedlungen wenig Gelegenheit, legal Geld zu verdienen. Kaum ein Bürger will ihnen einen Job geben. Manche fahren Tag für Tag wie Pendler in die Innenstädte, um sich mit Betteln und Kleinkriminalität durchzuschlagen. Dass dabei viele Kinder von Verbrecherbanden eingesetzt und wie Sklaven ausgebeutet werden, ist der schlimmste Teil des Problems.

    "10.000 müssen gehen"

    Die Regierung Prodi und die Stadt Rom wollen nun zwei Missstände mit einem Streich beseitigen: die unwürdigen Lebensumstände in den "Campi nomadi" und die damit verbundene Kriminalität.

    Etwa 15.000 "Nomadi" gebe es in Rom, schätzt der Präfekt Achille Sera. Sie leben teils in Camps, die die Stadt mit dem Nötigsten ausgestattet hat, und teils in wilden Barackensiedlungen an den Flüssen Tiber und Aniene und sogar in alten Etruskergräbern.

    Sera wurde nun von der Regierung mit Sondervollmachten ausgestattet, um bis zu 5000 der sogenannten Nomaden in "Dörfer der Solidarität" jenseits des Autobahnringes, der die Stadt umgürtet, umzusiedeln. Dort sollen sie von Polizisten überwacht werden. "Die anderen 10.000, die sich in illegalen Barackensiedlungen festgesetzt haben, müssen gehen", sagt Serra.

    Der Plan des Präfekten wirft neue Fragen auf. Zum einen erscheint klar, dass sich die Menschen nicht einfach wegschicken lassen. Wenn die Polizei sie aus einer Hüttensiedlung vertreibt, siedeln sie sich eben ein paar Kilometer weiter an. Zum anderen ist auch die Umsiedlung in "Solidaritätsdörfer" problematisch.

    So moniert die Hilfsorganisation "Opera Nomad", in den neuen Camps würden die Menschen weitab der Stadt wie in Kasernen zusammengesperrt. "So wird ihre Ausgrenzung noch vervielfacht." Mehrere christliche Organisationen kritisieren zudem in einem offenen Brief, die geplanten Riesenlager im Niemandsland sendeten die Botschaft aus: "Neben den Sinti und Roma kann man nicht leben, und deshalb werden sie isoliert."

    (SZ vom 25. Mai 2007)

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