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Bundeskanzlerin Merkel vergibt erstmals Tapferkeitsmedaillen an Soldaten. Die Parallelen zum Eisernen Kreuz sind nicht zu übersehen - und von vielen sogar gewünscht.

Tapferkeitskreuz (AP)

Das neue Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit: Was heißt Tapferkeit im 21. Jahrhundert? (Foto: AP)

Ein goldenes Kreuz, dessen Balken nach außen breiter werden, ein schwarzrotgoldenes Stoffband mit einem glänzenden Stückchen Eichenlaub darauf - und jede Menge Diskussionen. An diesem Montag verleihen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Franz Josef Jung (beide CDU) zum ersten Mal die neue Tapferkeitsmedaille - das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit - an vier Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren.

Damit trägt die Bundesrepublik der Entwicklung seines Militärs Rechnung: Weg von der reinen Verteidigungsarmee und Bereitschaftstruppe, bei der vor allem treue Pflichterfüllung honoriert wird, hin zu einer Einsatzarmee, die sich an Missionen im Ausland mit Waffengewalt beteiligt.

Doch während die einen in der Auszeichnung die längst fällige Anerkennung für Soldaten sehen, die heldenhaft ihr Leben für Deutschland riskieren, erkennen Kritiker in der neuen Medaille etwas ganz anderes: eine Anlehnung an das berühmte Eiserne Kreuz, das vor allem durch seine Verwendung im Dritten Reich berüchtigt ist und seit 1945 nicht mehr verliehen wurde.

Der neue Tapferkeitsorden hat schon rein optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Eisernen Kreuz - die haben allerdings sowohl das Bundesverdienstkreuz als auch die bisher gängigen Ehrenkreuze der Bundeswehr ebenfalls. Das Tatzenkreuz mit seinen nach außen breiter werdenden Balken wird sogar als Hoheitszeichen der Bundeswehr verwendet.

Die gesetzliche Pflicht zur Tapferkeit

Die neue Medaille ist aber auch die erste Auszeichnung seit Bestehen der Bundeswehr, die ausschließlich für besondere Taten verliehen wird - völlig unabhängig von Dienstzeit, Rang oder Art des Einsatzes. Damit hat sie tatsächlich eine wichtige Gemeinsamkeit mit dem Eisernen Kreuz, das zum ersten Mal im Jahr 1813 vom preußischen König Friedrich Willhelm III. gestiftet wurde, um "Tapferkeit vor dem Feind" zu ehren.

Was aber soll "Tapferkeit", ein Wort, das mehr als 500 Jahre alt ist, im 21. Jahrhundert bedeuten? Das Verteidigungsministerium hat es bisher nicht genau definiert. Bei einer Pressekonferenz nannte ein Sprecher - etwas abstrakt - "angstüberwindendes, mutiges Verhalten bei außergewöhnlicher Gefährdung für Leib und Leben mit Standfestigkeit und Geduld".


» Tapferkeit ist, wenn jemand ohne Furcht vor der Gefahr etwas Besonderes tut, sein Leben in die Waagschale wirft. «

Ulrich Kirsch, Vorsitzender des deutschen Bundeswehrverbandes

Konkreter wurde Oberstleutnant Ulrich Kirsch, Vorsitzender des deutschen Bundeswehrverbandes: "Tapferkeit ist, wenn jemand ohne Furcht vor der Gefahr etwas Besonderes tut, sein Leben in die Waagschale wirft", sagte er im ARD-"Morgenmagazin". Der Grünen-Politiker Winfried Nachtwei möchte die Tapferkeit nicht auf das Militär begrenzt sehen: "Auch von Zivilisten wie Polizisten und Entwicklungshelfern wird Tapferkeit verlangt."

Den Soldaten ist Tapferkeit sogar gesetzlich vorgeschrieben. Seit 1956 heißt es im Soldatengesetz, Paragraph 7: "Der Soldat hat die Pflicht, (...) die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen." Um die neue Medaille zu erhalten, müsste der Einsatz "weit über das normale Maß der Tapferkeit hinaus“ gehen, meinte Verteidigungsminister Jung.

Medaillen für Einsatz in Kundus

Wie im Fall der vier jungen Soldaten, die erstmals die Auszeichnung erhalten: Sie kämpften in Kundus in Afghanistan. Am 20. Oktober vergangenen Jahres sprengte sich ein Mann auf einem Fahrrad direkt neben ihrem gepanzerten Lastwagen in die Luft - zwei Soldaten starben. Die vier heute Geehrten kümmerten sich um Verletzte und Tote, obwohl sie selbst unter Beschuss standen.

Im Ausland kämpfende Soldaten könne man nicht mit einem herkömmlichen goldenen Ehrenkreuz ehren - so lautete der Tenor einer Petition aus dem Jahr 2007, die den Anstoß für die Diskussion um das neue Tapferkeitskreuz gab. 5070 Bürger haben sie unterschrieben. Die vorhandenen Auszeichnungen, heißt es darin, würden "zu freigiebig verliehen" und seien deshalb für die Ehrung besonderer Taten ungeeignet.

Neben allerlei Tätigkeitsabzeichen, Ausbildungsorden, Einsatzmedaillen für KFOR- oder OSZE-Missionen gibt es drei Ehrenkreuze in Bronze, Silber und Gold, deren Verleihung sich nach der abgeleisteten Dienstzeit richtet. Jedes kann auch für besondere Leistungen vergeben werden. Dennoch würden sie den neuen Aufgaben der Bundeswehr nicht ausreichend Rechnung tragen, meinten die Unterzeichner: "Sie ist zu einer Armee im Einsatz geworden."

Das Eiserne Kreuz als Symbol der Hoffnung

Die Petition forderte daher explizit eine Wiedereinführung des Eisernen Kreuzes. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ernst Reinhard Beck schloss sich an: Er verkenne nicht, "dass unter diesem Zeichen Angst, Schrecken und Leid über die Völker gebracht worden sind" weise aber "auch darauf hin, dass seit gut 15 Jahren, in denen die Bundeswehr nun im Auslandseinsatz ist, dieses Eiserne Kreuz in den Krisen- und Katastrophengebieten dieser Welt zu einem Symbol der Hoffnung geworden ist". Der Verteidigungsminister griff den Vorschlag zwar auf, hütet sich allerdings, vom Eisernen Kreuz zu sprechen - nicht einmal ein Vorbild für das neue Ehrenkreuz will er darin erkennen.

Der Vergleich zu der alten Auszeichnung ist dennoch geradezu zementiert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland sprach von einem "Testballon", um zu überprüfen, wie die gesellschaftliche Resonanz für einen solchen Orden ausfalle. Es dürfe nicht an unselige Traditionen angeknüpft werden, "die während des Nationalsozialismus zum größten Menschheitsverbrechen geführt haben“.

Auch die SPD äußerte sich kritisch, wenn auch vorsichtiger. Der Verteidigungspolitiker Rainer Arnold warnte vor "patriotischem Feiern des Militärs wie in den USA". Und der Grüne Nachtwei kritisierte "schräge Symbolpolitik": Mit Gesten wie der Verleihung von Tapferkeitsmedaillen könne die Bundesregierung nicht ihre Verantwortung ablegen, den Soldaten ihren Auftrag überzeugend darzulegen und ihnen zu erklären, warum und wofür sie in Afghanistan ihr Leben riskieren.

Vorher aber gibt Kanzlerin Merkel publikumswirksam die ersten Medaillen aus. Es ist Krieg in Afghanistan - und Wahlkampf in Deutschland.

(sueddeutsche.de/luw)

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Leserkommentare (81)



07.07.2009 15:18:26

c o: CDU Politik: zurück ins Gestern

.. unglaublich. Als gäbe es kein Bundesverdienstkreuz.


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