SZ: Diese Forderung wird in Berlin sicher nicht gerne gehört.

Holbrooke: Das Bundesverfassungsgericht hat 1994 eine bahnbrechende Entscheidung getroffen, und die Deutschen sind auf den Balkan marschiert. Das war ein großer Moment: Die Rückkehr der Deutschen auf die internationale Bühne, dieses Mal nicht als erobernde Nazis sondern als Friedensstifter. Aber dann scheinen sich die Deutschen ein wenig zurückgezogen zu haben.

Deutschland nimmt eine unverzichtbare Rolle ein. Niemand sieht Deutschland mehr als militaristische Macht. Jeder weiß, dass das Land die Lehren aus seiner Vergangenheit gezogen hat. Manchmal habe ich das Gefühl, die Deutschen trauen sich selbst nicht so recht, jedenfalls trauen sie sich nicht so sehr wie es beispielsweise die Amerikaner tun.


SZ: Sie beraten Hillary Clinton im US-Wahlkampf. Was wird sie im Verhältnis zu Europa ändern, falls sie 2009 ins Weiße Haus einzieht?

Holbrooke: Die europäischen Regierungen können damit rechnen, dass die transatlantischen Beziehungen mit einem demokratischen US-Präsidenten besser werden. Dennoch muss auch auf einen anderen Punkt eingegangen werden. Jeder der demokratischen Kandidaten hat angekündigt, die Anstrengungen in Afghanistan müssten verdoppelt werden. Das bedeutet natürlich auch, dass mehr geteilt werden muss.

»Für Musharraf gibt es nur noch zwei Lösungen: Entweder regiert er mit aller Härte oder die Armee stürzt ihn.«

Hoolbroke zu Pakistans Militärmachthaber

SZ: Beteiligt sich Deutschland nicht ausreichend in Afghanistan?

Holbrooke: Die USA machen nicht genug - wie könnte ich da andere Länder kritisieren? Ich werde Deutschland sicher nicht öffentlich kritisieren, aber ich habe einen generellen Kritikpunkt. Das ist der Vorbehalt gegen den Einsatz von Soldaten. Damit die Nato sinnvoll agieren kann, muss der Befehlshaber die Truppen dort einsetzen können, wo es Sinn macht. Im Moment arbeiten die Kanadier, Briten und Amerikaner ohne Einschränkungen, wohingegen die Deutschen, die Niederländer und andere Länder mit Einschränkungen arbeiten. Das ist sehr bedauerlich.


SZ: Die Lage in Afghanistan hängt direkt vom Nachbarstaat Pakistan ab. Dort hat Präsidentengeneral Musharraf den Ausnahmezustand verhängt, die Verfassung ausgesetzt, er lässt Oppositionelle verhaften.

Holbrooke: Musharraf war noch nie zuvor in einer so schlechten Lage. Er überrascht mich, weil er so unglaublich viele Fehler gemacht hat. Jetzt kann er nur noch als militärischer Herrscher regieren. Seine Chancen, eine breite Basis für seine Regierung zu erzielen, sind verschwunden. Dabei glaube ich, dass er in einer freien und fairen Wahl gut abgeschnitten hätte.

Viele Leute waren einmal mit ihm zufrieden. Er hat jetzt alle gegen sich aufgebracht. Die Islamisten, die Liberalen, Anwälte, Moderate und auch die Partei von Ex-Premier Benazir Bhutto. Für ihn gibt es nur noch zwei Lösungen: Entweder regiert er mit aller Härte oder die Armee stürzt ihn.


SZ: Washington hat Musharraf seit den Anschlägen vom 11. September zu einem Hauptverbündeten erklärt und sein Militärregime mit Milliarden Dollar gestützt. War das ein Fehler?

Holbrooke: Die US-Regierung hat 2002 richtig gehandelt, als sie sich hinter Musharraf gestellt hat. Damals hat er eine Reihe von Versprechen abgegeben, etwa zur Demokratie zurückzukehren. Aber er hat alle Versprechen gebrochen. Für die Menschen in Pakistan ist das eine Tragödie. Und weil die Lage in Afghanistan unmittelbar mit Pakistan zusammenhängt, ist es auch eine große Krise für die USA und die Nato-Verbündeten.

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