Schwarz-rot-gelbe Führung

    Rechtschreibung

    20.07.2006, 17:44

    Von Lothar Müller

    Am Samstag erscheint der neue Duden - der bunteste, den es je gab. Damit einher geht das stillschweigende Eingeständnis, dass Teile der Kritik an der Reform von 1996 berechtigt waren.

    Nicht immer konsequent: der neue Duden. ()

    Die neue, 24. Auflage des Dudens, die an diesem Samstag erscheint, wirbt auf ihrer Banderole unter anderem mit Folgendem: "Auf der Grundlage der ab dem 1. 8. 2006 verbindlichen amtlichen Rechtschreibregeln"; "Optimale Benutzerführung durch Vierfarbigkeit"; "Erstmalig mit Duden-Empfehlungen für eine einheitliche Schreibung".

    Man muss nicht lange nachdenken, um zu erkennen, dass das Nebeneinander dieser Versprechungen eine einfache Frage provoziert: Warum bedarf es der erstmalig eingeführten Duden-Empfehlungen, wenn doch ab Anfang August 2006 verbindliche, amtliche Rechtschreibregeln gelten?

    Die Antwort lautet: Dies ist der bunteste Duden aller Zeiten, weil wir auch nach dem 1. August 2006 in punkto Rechtschreibung in einer Übergangszeit leben werden.

     
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    Zwar hat der Rat für Rechtschreibung im Februar 2006 seine Änderungsvorschläge vorgelegt, und die staatlichen Stellen haben diese Änderungen an der ursprünglichen Reform akzeptiert. Aber an den Schulen gilt bis Ende Juli 2007 eine Übergangsfrist, während der die nunmehr überholten Schreibweisen nicht als Fehler angerechnet werden.

    Ein Hauptmerkmal der Rechtschreibung bleibt auch nach dem 1. August die hohe Zahl gleichzeitig zulässiger Varianten wie "dicht machen" und "dichtmachen", "Brennnessel" und "Brenn-Nessel", "alleinerziehend" und "allein erziehend".

    Bei 130 000 Stichwörtern enthält der neue Duden knapp 3000 solcher Schreibvarianten. Aus der Art, wie er damit umgeht, resultiert seine Vierfarbigkeit. Das traditionelle Schwarz, in dem auch in diesem Duden die Buchstaben mehrheitlich das Papier bedecken, ist zum Dreiklang Schwarz-Rot-Gelb erweitert.

    Rot gesetzt sind alle Stichworte, die nach der Rechtschreibreform von 1996 anders zu schreiben sind als vorher, etwa der "Kompass", der früher mit "ß" geschrieben wurde. Überall dort, wo zulässige Varianten miteinander konkurrieren, sind die von der Duden-Redaktion empfohlenen Schreibungen gelb unterlegt: so triumphieren der gelb markierte "leckgeschlagene Tanker" gegen den rot gesetzten "leck geschlagenen" und der "Darmkatarrh" gegen den "Darmkatarr".

    Blaue Infokästen bei schwierigen Wörtern ("allgemein, allgemeingültig, allgemein verständlich"; "ganz, etwas ganz machen, im Ganzen"; "Haus, zu Hause, Haus halten, haushalten") komplettieren die Vierfarbigkeit.

    Auf den ersten Blick ist die Buntheit des neuen Dudens die Konsequenz des viel beklagten Chaos, das entgegen ihrer Intentionen mit der Rechtschreibreform des Jahres 1996 und ihren zahlreichen Modifikationen verbunden war und ist: Sie dokumentiert die Entfernung vom Ideal einer einheitlichen Rechtschreibung und die Vielfalt von Varianten, die einander überlagern, ohne sich auszuschließen. Und viele werden nun sagen: Der neue Duden ist ein Agent des Wirrwarrs, indem er ihn festschreibt.

    Bei näherer Betrachtung aber sieht die Sache anders aus. Stets haben in der Geschichte des Dudens seine ratifizierende und seine normative Funktion einander durchdrungen. Stets war er ratifizierend, indem er dominante Schreibweisen in sich aufnahm; stets war er, indem er dies tat, zugleich normierend - und dies nicht nur dort, wo er amtliche Regelungen propagierte.

    Der aktuelle Duden ratifiziert den seit 1996 entstandenen Status quo; daher sein schwarz-rot-gelber Farbdreiklang. Aber er ist zugleich beherzt normativ. Nicht nur im Einband ist das Gelb seine entscheidende Farbe. Es ist die Farbe der normativen Selektion, diejenige Farbe, in der die Duden-Redaktion der Variantenvielfalt entgegensteuert, welche sie dokumentiert.

    Die gelb unterlegten Stichwörter fallen stärker ins Auge als die rot gesetzten. Der Duden entspricht damit einem Bedürfnis der Sprachgemeinschaft: Am Zenit der Variantenvielfalt setzt er Vereinheitlichungssignale. Es wird Zeit brauchen, bis diese Signale wirken, und manche werden dabei wieder modifiziert werden.

    Denn der neue Duden ist nicht immer konsequent. Mal empfiehlt er "Kommuniqué" statt "Kommunikee", dann wieder "Pappmaschee" statt "Pappmaché". Auch trägt er, obwohl er viele aufgehobene Zusammenschreibungen wieder in ihr Recht setzt ("bankrottgehen", "Fingerbreit"), nicht allen Bedeutungsnuancen Rechnung, etwa der Differenz zwischen "sitzen bleiben" (auf dem Stuhl) und "sitzenbleiben" (in der Schule).

    Kern dieses Dudens aber ist das stillschweigende Eingeständnis, dass Teile der Kritik an der Reform von 1996 berechtigt waren. Vielleicht werden Sprachhistoriker später einmal diagnostizieren, dass die Duden-Redaktion das Erbe der Rechtschreibung vor 1996 taktisch klüger, weil realistischer bewahrt hat als die Fundamentalopposition gegen die Reform von 1996.

    (SZ vom 21.7.2006)

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