Die Lage in Estland verschärft sich: Als die Regierung mit der Exhumierung sowjetischer Soldaten in Tallinn begann, kam es zu schweren Ausschreitungen. Der russische Präsident beschwerte sich daraufhin bei der EU-Ratsvorsitzenden Merkel.
Schwere Unruhen in Tallinn Foto: ap
Die estnische Regierung hat mit der Exhumierung sowjetischer Soldatengräber in Tallinn begonnen und damit die ohnehin angespannte Situation weiter verschärft. Schon die Beseitigung eines sowjetischen Weltkriegsdenkmals hatte zu schweren Ausschreitungen geführt.
Allein in der Nacht zum Samstag nahm die Polizei in Tallinn mehr als 500 Personen fest, fast 70 Menschen wurden bei den Krawallen verletzt. Bundeskanzlerin Angela Merkel rief zur Besonnenheit auf.
Die Unruhen sind die schwersten seit der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion 1991. Die Randalierer warfen in der Innenstadt von Tallinn Fensterscheiben ein und plünderten Geschäfte.
Auch in anderen Städten kam es zu Ausschreitungen. In Johvi, 180 Kilometer östlich der Hauptstadt, wurden mehr als 40 Menschen festgenommen. Auch aus Kohtla-Jarve wurden gewaltsame Proteste gemeldet.
In Tallinn gingen Bereitschaftspolizisten am Freitagabend mit Gummigeschossen und einem Wasserwerfer gegen die zumeist russischen Demonstranten vor, die Steine und Flaschen warfen. Am Donnerstag war während der Tumulte ein junger Mann ums Leben gekommen.
Das russische Außenministerium forderte am Samstag eine vollständige Untersuchung der Todesumstände. Nach Moskauer Angaben lebte der Russe dauerhaft in Estland und wurde offenbar von einem anderen Demonstranten erstochen.
Vor der estnischen Botschaft in Moskau versammelten sich am Samstag zahlreiche Menschen, warfen Tomaten auf das Gebäude und beleidigten den estnischen Botschafter. Einige trugen Militäruniformen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Die estnische Regierung will den so genannten „Bronzenen Soldaten“ an einen anderen Ort verlegen. Das zwei Meter hohe Monument war 1947 zu Ehren der sowjetischen Streitkräfte nach dem Sieg über Nazi-Deutschland errichtet worden. Viele Esten sehen darin aber eine Erinnerung an die fünf Jahrzehnte währende sowjetische Besetzung ihres Landes sowie der beiden Nachbarstaaten Lettland und Litauen.
In unmittelbarer Nähe des umstrittenen Denkmals liegen die sterblichen Überreste von rund 15 sowjetischen Soldaten. Deren Exhumierung begann am Samstag, wie das Verteidigungsministerium mitteilte.
Merkel telefonierte angesichts der Unruhen am Samstag mit dem estnischen Ministerpräsidenten Andrus Ansip sowie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und forderte, jegliche Eskalation zu vermeiden. Die Kanzlerin habe die Aufnahme direkter Kontakte zwischen Estland und Russland vorgeschlagen, erklärte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm in Berlin.
Der Kreml teilte mit, Putin habe im Gespräch mit der amtierenden EU-Ratsvorsitzenden seine Besorgnis über die „dramatische Entwicklung der Ereignisse in Tallinn“ zum Ausdruck gebracht.





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