"Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes"

    Birma

    11.05.2008 , 22:12

    Hilfsorganisationen rechnen nach dem Wirbelsturm in Birma mit weit über einer Million Todesopfer. Neben Hunger und Seuchen drohten in den verwüsteten Regionen Gewaltausbrüche. Die Militärjunta zeigt sich indes wenig beeindruckt - und geht zum politischen Tagesgeschäft über.

    Birma, dpa

    Nur die Minderheit der Zyklonopfer erhalten Hilfsgüter. (Foto: dpa)

    Nach dem verheerenden Wirbelsturm in Birma droht die Lage in dem verarmten Land nun völlig zu eskalieren. Bis zu 1,9 Millionen Menschen kämpfen der UN zufolge ums Überleben, während die Militärjunta weiter keine Helfer ins Land läßt. Es werde inzwischen von 100.000 Toten und 220.000 Vermissten ausgegangen, teilten die Vereinten Nationen (UN) am Sonntag weiter mit. Die Hilfsorganisation Oxfam rechnet gar mit 1,5 Million Toten, sollten die Überlebenden nicht umgehend mit sauberem Wasser und sanitären Anlagen versorgt werden.

    Anders die offiziellen Opferzahlen der Militärjunta in Birma. Sie sprach am Sonntag von 28.458 Toten und 33.416 Vermissten. Zuvor war sie von 23.000 Toten und 37.000 Vermissten ausgegangen.

    Die UN warnten unterdessen nicht nur vor Hunger und Seuchen, sondern angesichts des dramatischen Mangels auch vor gewaltsamen Übergriffen unter den Opfern. "Wenn nicht sofort und massiv Experten sowie Versorgungsgüter in die am schwersten betroffenen Gebiete gelangen, wird es eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes geben", sagte Greg Beck vom International Rescue Committee.

    Juntachef präsentiert sich den Kameras

    Erstmals seit dem Zyklon tauchte am Wochenende auch Juntachef Than Shwe im staatlichen birmanischen Fernsehen auf: nicht beim Trostspenden für Opfer oder bei der Verteilung von Hilfsgütern, sondern bei der Stimmabgabe für die neue Verfassung, mit der das Militär seine Macht auf Jahre hinaus zementieren will.

    Die Junta stellte bereits einen überwältigenden Sieg in den Verfassungsreferendum in Aussicht. Birmas Opposition warf der Regierung dagegen massiven Wahlbetrug vor. Bei der Stimmabgabe - eine Woche nach dem verheerenden Zyklon - seien Wähler bedroht und eingeschüchtert und zu Ja-Stimmen gezwungen worden, berichtete die "US-Kampagne für Birma" nach Kontakten mit Wahlbeobachtern der Oppositionspartei Nationalliga für Demokratie (NLD).

    Rahmen
    Bildstrecke Zyklon in Birma: Menschen leiden - die Hilfe läuft an Rahmen
    Die Folgen des Zyklon Nargis Die Folgen des Zyklon Nargis Die Folgen des Zyklon Nargis Die Folgen des Zyklon Nargis Die Folgen des Zyklon Nargis Die Folgen des Zyklon Nargis
    Rahmen

    Die EU-Kommission sieht derweil Anzeichen für einen verbesserten Zugang für Hilfsorganisationen in Birma. "Es geht aber immer noch um hunderttausende Leben, es ist weiter eine gewaltige internationale Mission im Irrawaddy-Delta nötig, um sie zu retten", erklärte EU-Entwicklungskommissar Louis Michel am Sonntag in Brüssel. Die EU-Kommission sei bereit, ihre Hilfe aufzustocken, doch dies habe keinen Sinn, wenn sie nicht an Ort und Stelle gelange.

     
    Video abspielen...
    Video abspielen...Großen Videoplayer öffnen...(Flash Player 8 erforderlich)

    Unterdessen hat das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten
    Nationen am Sonntag die Hilfsflüge ins Katastrophengebiet wieder aufgenommen. Erste Flugzeuge seien mit Einwilligung der lokalen Behörden in Rangun gelandet, teilte das WFP-Logistikzentrum mit. Allerdings gebe es weiter zahlreiche Beschränkungen bei der Verteilung von Hilfsmitteln, hieß es.

    Birmas Militärjunta nimmt zwar Hilfslieferungen aus dem Ausland und auch von den UN an, will aber die Lieferungen selbst verteilen. Genau dies trauen die internationalen Helfer dem birmanischen Militär jedoch nicht zu. Sie befürchten unter anderem, dass die Güter nicht vollständig zu den Bedürftigen gelangen.

    Schiff voller Hilfsgüter versunken

    Das erste Rote-Kreuz-Schiff mit Gütern für mehr als 1000 Menschen sank am Sonntag kurz vor Erreichen seines Ziels im Irrawaddy-Delta. Das doppelstöckige Frachtboot habe offenbar einen unter Wasser liegenden Baumstamm gerammt, sagte ein Sprecher der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) in Bangkok. Die Mannschaft und die vier birmanischen Rotkreuz-Mitarbeiter konnten sich in Sicherheit bringen, doch das Schiff samt seiner Hilfsgüter sei verloren.

    Derweil bereitet sich das Technische Hilfswerk (THW) auf einen Einsatz im Katastrophengebiet von Birma vor. In der Zentrale für Auslandslogistik in Rüsselsheim würden zurzeit technische Ausstattung, Material, Gerät und Fahrzeuge aus dem gesamten Bundesgebiet für einen möglichen Einsatz zusammengezogen, teilte die THW-Zentrale am Sonntag in Bonn mit.

    (AFP/AP/Reuters/dpa/beu/lala)

    Weitere Artikel in Politik

    Leserkommentare (0)



    Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


    Berlusconi bekam einen Dom ins Gesicht, Helmut Kohl Eier ans Revers und Joschka Fischer Farbe aufs Ohr. Fiese Attacken auf Politiker.
    Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
    Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
    George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.
    Bilder aus der Politik
    Mit welchen Sprüchen die Regierung punkten wollte - und was der Opposition einfiel: Die besten Zitate aus 100 Tagen Schwarz-Gelb.
    Eine Foto-Ausstellung im Bundestag zeigt namhafte deutsche Politiker in authentischen Lebenssituationen und Momenten.
    Madonna Mia: Veronica Lario klagt über das Macho-Gehabe ihres Gatten - und will nun die Scheidung von Silvio Berlusconi.
    Politik transparent gemacht
    Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

    Postleitzahl oder Schlagwort:

    Link auf abgeordnetenwatch.de
    Noch mehr Bilder
    Als Ministerpräsident von Sachsen leistete er nach der Wende Pionierarbeit - jetzt wird Kurt Biedenkopf 80 Jahre alt.
    Oskar Lafontaine gibt den Parteivorsitz der Linken ab - und seine Kollegen streiten, wer ihn beerben soll. Wir stellen die Anwärter vor.
    Linker Scharfmacher wurde er von Kritikern genannt. Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
    Seit zehn Jahren gibt es Attac in Deutschland. Es gratulieren Prominente wie Roger Willemsen, Roland Berger oder Claudia Roth.
    Wie soll es am Hindukusch weiter gehen? Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg und Armut. Die Geschichte in Bildern.
    Der Untersuchungsausschuss zum Luftschlag bei Kundus nimmt heute seine Arbeit auf. Minister Guttenberg steht schon vorher unter Beschuss.
    Süddeutsche Zeitung Photo
    Armutsflüchtlinge aus Afrika
    Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...

    ANZEIGE

    Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten