SZ: Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt gewonnen werden, solange er von der anderen Seite der Grenze her geführt wird?
Domröse: Ich glaube nicht.
SZ: Der afghanische Präsident Karsai sagt, statt afghanische Dörfer zu bombardieren solle der Krieg auf der anderen Seite der Grenze geführt werden. Hat er nicht recht?
Domröse: Er hat nicht unrecht, und trotzdem: So ist es mir zu einfach. Im nächsten Jahr sind Präsidentschaftswahlen in Afghanistan, wir befinden uns in einer Art Vorwahlkampf, und da versucht die Regierung natürlich, von eigenen Schwächen abzulenken.
SZ: Welche Schwächen meinen Sie?
Domröse: Hier sind ja Milliardenbeträge reingeflossen, und wenn Sie es damit nicht schaffen, Leute in Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung in Gang zu bringen, dann hat die Regierung ihre Hausaufgaben nicht gemacht.
SZ: Fehler macht aber auch Isaf. Die vielen zivilen Toten kosten Sie zusehends Rückhalt in der Bevölkerung.
Domröse: Die mit Abstand meisten zivilen Opfer, die zu beklagen sind, verursachen die Aufständischen. Aber ich will mich nicht drücken: Jeder Zivilist, der umkommt, ist einer zu viel. Wir zielen nicht auf Zivilisten. Wir bedauern, dass es vorkommt, aber wir können es auch nicht ausschließen, weil die Auseinandersetzung im zivilen Umfeld stattfindet.
SZ: Die Zahlen von zivilen Opfern sind aber sehr hoch, und sie werden nicht weniger.
Domröse: Es ist unendlich schwierig, denn die Aufständischen greifen uns an und benutzen dabei die Zivilbevölkerung als Schutzschild.
SZ: Braucht Isaf mehr Soldaten, um letztlich doch noch erfolgreich zu sein?
Domröse: Nicht zwingend. Was wir brauchen, sind mehr zivile Aufbauprogramme, damit wir vorankommen. Aber es gibt auch Regionen, die so umkämpft sind, dass sie da mehr militärische Kräfte brauchen.
SZ: Die neue afghanische Armee besteht jetzt aus 60.000 Soldaten. Taugen die was?
Domröse: Ja. Die Armee hat schon ein gewisses Ansehen, und kämpfen kann sie auch. Von daher sage ich: Das ist eine ordentliche Truppe.
SZ: Wann wäre denn diese Truppe in der Lage, allein und ohne ausländische Hilfe klarzukommen?
Domröse: Etwa ab dem Jahr 2013, wenn sie ihre volle Stärke von 122.000 Mann erreicht hat. Dann könnte man überlegen, ob man die Isaf-Truppen reduziert.
SZ: Es heißt aber doch immer, dass der Westen auf Jahrzehnte in Afghanistan engagiert bleiben müsste.
Domröse: Man kann es nicht ausschließen. Aber trotzdem denke ich, dass die afghanischen Sicherheitskräfte, also Polizei und Armee, 2013 eigentlich in der Lage sein müssten, ihre Operationen weitestgehend selbst zu führen.
(SZ vom 15.10.2008/cag)
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