Präsident Bushs Botschaft ist klar: Amerika befindet sich im Krieg und kein Feind soll es noch einmal überraschen.
(SZ vom 12. 9. 2002) - Washington - Der Weg nach Bagdad hat auch für George Bush viele Stationen, und es war von mitunter tiefer Symbolik, dass der amerikanische Präsident am 11. September, dem ersten Jahrestag des Grauens, einige von ihnen der Reihe nach abschritt.
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Denn es ist ein Weg, der vom Terror und dem mittlerweile ein Jahr alten Krieg gegen diese Bedrohung geradewegs hinüberführt zum Irak und dem kommenden Krieg gegen diese neue Gefahr. Es waren Stationen, die nach Art konzentrischer Kreise vom Zentrum der Macht hinaus in die Welt führten: Bushs Tag begann mit einem Augenblick des Schweigens im Weißen Haus, das angeblich Ziel der vierten gekaperten Maschine war.
Die nächste Station war das Pentagon, die Schaltzentrale von Amerikas militärischer Macht, das mit verbissenem Stolz in Rekordzeit wiederaufgebaut wurde. Dann in New York Ground Zero, wo einst die Türme des Welthandelszentrums in den Himmel ragten, gleichermaßen Symbole des Wohlstands wie der Hoffart.
Flakgeschütze in Washington
Die Rede an die Nation am Abend war gedacht als Brückenschlag hinüber zur Rede vor den Vereinten Nationen, wo Bush am nächsten Tag die Anklage gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein vortragen wollte. Die Botschaft beider Ansprachen war gleich: Amerika befindet sich im Krieg, es wird vor keiner Herausforderung zurückschrecken, und es wird sich vor allem nicht mehr von einem Feind überraschen lassen, wie an jenem unheilvollen 11. September 2001. Vizepräsident Dick Cheney wurde, wie schon früher, auch diesmal noch konkreter: Er zog eine Verbindung zwischen Saddam und al-Qaida.
Die Nation beging den Jahrestag der Anschläge in einem Wechselbad der Gefühle, die irgendwo zwischen Marylou Collings aus Rockville in Maryland und Deborah Mardenfeld aus New York hin- und herschwankten. Für Marylou, die an der Kasse bei Magruders die Lebensmittel über den Scanner zieht, wäre der 11. September ein Tag wie jeder andere gewesen. Wenn da nicht der Aufkleber wäre, den sich jeder Angestellte auf Geheiß des Managements an den grünen Arbeitskittel heften muss, und auf dem steht, dass der 11. September 2001 nie vergessen wird. Doch das Ding klebt nicht, es fällt immer herunter, und Marylou freut sich auf Freitag, den dreizehnten, denn dann ist Schluss mit dem Gedenken auf der Schürze.
Für Deborah Mardenfeld dagegen ist der 11. September noch immer peinvolle, schmerzhafte Gegenwart. Sie war die erste, die nach dem Aufprall der beiden Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers ins Krankenhaus gebracht wurde; mit so schweren Verletzungen, dass sie ein Jahr später noch immer nicht geheilt ist. "Für andere liegt die Tragödie in der Vergangenheit", sagt sie, "aber wir, wir stecken noch immer mitten drin."
Es ist eine gewisse Normalität zurückgekehrt nach Amerika, aber es ist eine neue, eine bedrohliche, eine gefährliche Normalität. Dazu gehörte, dass die Sicherheitsbehörden exakt zum Jahrestag die nach fünf Farben geordneten Alarmzustände auf die Stufe Orange anhoben, über der nur noch Rot liegt.
Zur neuen Normalität gehörte auch, dass rings ums Pentagon Flugabwehrbatterien postiert wurden, damit möglicherweise attackierende Flugzeuge rechtzeitig abgeschossen werden könnten. Flakgeschütze in Washington - auf solche Ideen wären früher nicht einmal Drehbuchschreiber amerikanischer Action-Filme gekommen.
Zur alten Normalität gehörte freilich, dass am Dienstag in zehn Bundesstaaten und in der Hauptstadt, dem District of Columbia, Vorwahlen für die Zwischenwahlen im November stattfanden. Vor einem Jahr hatten in New York gerade die Wahllokale für die Primaries der Bürgermeisterwahl geöffnet, als das Welthandelszentrum angegriffen wurde. Dieses Jahr wurden aus Maryland und Minnesota, Wisconsin und Vermont geringe Wahlbeteiligungen gemeldet - auch dies ein Zeichen für die alte amerikanische Realität; genauso wie die Tatsache, dass es abermals Probleme mit den - brandneuen - Wahlautomaten gab. In Florida.
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