Von Nico Fried

Ausgerechnet der zentrale Gottesdienst in Berlin unterstreicht die neue Distanz zwischen Deutschland und den USA.

(SZ vom 12. 9. 2002) - Berlin - Der Kanzler und der Kandidat in der ersten Reihe. Schweigend. In der Erinnerung an die Wucht des Ereignisses vor einem Jahr verstummte am Mittwoch während eines ökumenischen Gottesdienstes in Berlin für genau eine Stunde der Wahlkampf.

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Auf das Bild klicken, um zur Bildergalerie zu gelangen. (© Fotos: Ingo Butters)

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Bundespräsident Johannes Rau, Gerhard Schröder und Edmund Stoiber, das Kabinett, Vertreter aller Parteien, Bürger sowie Angehörige von Opfern des Terroranschlags kamen zum Gedenken in den Berliner Dom, gemeinsam mit dem Botschafter der USA, Dan Coats.

Auch dessen Differenzen mit der Bundesregierung, die in den vergangenen Wochen teilweise öffentlich ausgetragen wurden, rückten scheinbar in den Hintergrund. "Unser Land ist an diesem Tag vereint mit dem amerikanischen Volk in der Erinnerung an die entsetzlichen Terroranschläge", hatte Bundeskanzler Schröder zuvor in einer kurzen Ansprache vor der Kabinettssitzung erklärt. "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen." Der Gottesdienst war der Versuch, diese Beteuerung symbolisch umzusetzen.

Es blieb beim Versuch. Denn die Diskussion um die Politik der USA holte das Gedenken ein. Kardinal Georg Sterzinsky wählte für seine Erinnerung an die Terroranschläge ausgerechnet die Parallele mit einer Aktion der Amerikaner und verglich den 11. September mit dem ersten Atombombenabwurf von 1945 in Japan. Von der Art dieses Angriffes auf Hiroshima sei "auch das Geschehen, das am 11. September des vorigen Jahres die Welt erschütterte", sagte Sterzinsky in seiner Predigt.

Und der evangelische Bischof von Berlin und Brandenburg, Wolfgang Huber, wollte sich nicht auf das Gedenken beschränken. Er beschrieb das "Dilemma der Friedensstifter" zwischen Zuschauen und Eingreifen und richtete dann eine direkte Mahnung an die Adresse der USA, auf weitere Militärschläge zu verzichten. Dies gelte auch für den Irak. "Alleingänge können keine Lösung sein", so Huber, "es bedarf einer Achse des Friedens."

Deutlicher hätte die Entfremdung an diesem Tag kaum werden können, die sich in nur einem Jahr zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika eingestellt hat. Zwischen Trauer und Gedenken mischen sich hierzulande Zweifel, Warnungen und Belehrungen. Der Beistand wird von Skepsis begleitet. Auf Wahlveranstaltungen von SPD und Grünen wird die Bekräftigung der Freundschaft zu Amerika mit eisigem Schweigen quittiert - die Ablehnung eines Krieges gegen den Irak jedoch mit lang anhaltendem Applaus.

Die Bundesregierung verzichtet inzwischen von sich aus auf die weitere Bekundung der "uneingeschränkten Solidarität", wie sie der Kanzler nur Stunden nach den Terroranschlägen ausgerufen hatte. Weder in einem Brief Schröders an Präsident George Bush, noch in seiner Erklärung vom Mittwoch tauchte der Begriff auf. Und wenn der Kanzler heute danach gefragt wird, wie der Ausdruck entstanden sei, relativiert er dessen Bedeutung: "Der Begriff sollte klar machen, dass Deutschland bereit sei, auch militärisch einen Beitrag zu leisten", sagte Schröder am Mittwoch in der Berliner Zeitung. "Insofern hat er für mich nie ein uneingeschränktes Mandat bedeutet." Der Begriff sei "ein bisschen problematisch interpretiert" worden.

Außenminister Joschka Fischer hatte schon vor Monaten in einer Rede gewarnt, die öffentlichen Wahrnehmungen diesseits und jenseits des Atlantiks entwickelten sich "in unterschiedliche Richtungen" - und dies gebe Anlass zur Sorge. "Der 11. September hat Amerika viel tiefer erschüttert als Europa. Die Reaktionen von Politik und Gesellschaft sind verständlicherweise heftiger, die Bereitschaft, die neue Herausforderung anzunehmen und entschlossen zu bekämpfen, ist größer", so Fischer.

Auf den Punkt gebracht liegt die größte Differenz mittlerweile in der Bereitschaft, Probleme mit Hilfe von Waffen zu lösen. In den USA ist der Glaube weit verbreitet, die innere Sicherheit wie auch die Bedrohung von außen könne durch entsprechende Aufrüstung eingedämmt werden. Das reicht von Pistolen für Piloten bis zum Raketenabwehrsystem im Weltraum. In den Drohungen gegen den Irak wird die Entschlossenheit am deutlichsten - und der Unterschied zur Bundesregierung, die mittlerweile, auch motiviert durch den Zuspruch im Wahlkampf, selbst militärische Drohkulissen für ungeeignet und Mandate der Vereinten Nationen für zweitrangig hält. Illusionisten, wohin man schaut, ein zielführender Dialog dagegen nicht in Sicht.

Diese fundamentalen Unterschiede werden das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht nur über den Tag der Bundestagswahl, sondern auch jenseits der Irak-Frage auf unabsehbare Zeit belasten. In der Nato zum Beispiel steht im Herbst die Debatte um eine neue Strategie für das Bündnis an. In den USA ist längst klar, dass die Bekämpfung von internationalem Terror und allem, was aus der Sicht der Administration im weiteren Sinne dazu gehört, an die erste Stelle rücken muss. Dazu wollen die USA auf dem Gipfel in Prag auf eine massive Aufstockung der Rüstungsbemühungen in Europa drängen, was nicht nur Deutschland vor schwere finanzielle, aber auch politische Probleme stellen würde.

Eine Parallele zu den Ereignissen vor einem Jahr jedoch ist dieser Tage erkennbar: Nach den Terroranschlägen überschlugen sich die Europäer inklusive Deutschlands im Bemühen, den Worten von der Solidarität auch Taten folgen zu lassen. Europa zerfiel wieder einmal in zahlreiche Einzelstaaten, die sich auf unterschiedliche Weise an die Seite der USA stellten. In der Diskussion um den Irak tritt gegenwärtig das Gleiche wieder ein, nur unter ganz anderen Vorzeichen. Unüberbrückbar erscheinen jetzt die Differenzen, vom bedingungslosen Beistand der Briten einerseits bis zur uneingeschränkten Ablehnung eines Krieges durch die Bundesregierung andererseits. Europa war am 11. September 2001 nicht als Einheit handlungsfähig - und ist es auch nicht am 11. September 2002.

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