100. Geburtstag von Erich Honecker Machterhalt statt Weltrevolution

Hinter diesem persönlichen Machtkampf stand ein innerkommunistischer Richtungswechsel von historischer Tragweite. Ulbricht hielt noch in seinem späten Reformeifer an der Utopie der historischen Überlegenheit der sozialistischen Idee fest und Honecker vom ersten bis zum letzten Tag an der Notwendigkeit ihrer defensiven Selbstbehauptung. Seine Vision hieß nicht mehr Weltrevolution, sondern Machterhalt, und dieser Aufgabe widmete er sich bald zwei Jahrzehnte mit erstaunlichem Erfolg.

Eine die Wirtschaftskraft der DDR überbeanspruchende Sozialpolitik in Verbindung mit einer immer weiter ausgreifenden Gesellschaftsüberwachung halfen ihm, eine Aufgabe zu lösen, vor der so kein anderer Staat des sowjetischen Machtbereichs stand: die kommunistische Staatsordnung in der direkten Konkurrenz mit einem in jeder Hinsicht überlegenen Nachbarstaat zu behaupten, von dem sie trotz aller Grenzabriegelung keine sprachliche und keine ethnische Grenze trennte.

Gelähmte Faust des Regimes

Honecker kam dabei eine Eigenschaft zustatten, die sich aus seiner politischen Sozialisation in der Jugendbewegung der zwanziger und dreißiger Jahre an der Saar erklärt, nämlich die Amalgamierung von stalinistischer Parteitreue und unbefangener Bündnisbereitschaft. Gleichviel, ob Preußenerbe oder Lutherehrung - Honeckers Herrschaft integrierte, was Legitimation versprach. Er blieb bis zuletzt moskautreu und scheute dennoch nicht den Kontakt zu dem vom Glauben abgefallenen Ex-Genossen Herbert Wehner und ebenso wenig die Kooperation mit der Inkarnation des Klassenfeindes in Gestalt von Franz Josef Strauß.

Was ihm schließlich zum Verhängnis wurde, war weniger das Erstarken einer revolutionären Opposition als vielmehr der eigene politische Erfolg: Indem Honecker sein diktatorisch beherrschtes Land zu einem weltweit anerkannten Staat machte, setzte er es zugleich einer wachsenden Konkurrenz nicht nur der Güter, sondern auch der Geister aus. Nur als geschlossene Sinnwelt hatte das sozialistische Projekt seine politische Legitimation und Handlungsmacht bewahren können. Die immer weitere Öffnung der DDR ließ in den Achtzigerjahren nicht nur die Bevölkerung immer stärker ihre Bedürfnisse einklagen, sondern lähmte auch die Faust des Regimes, das sich lieber friedlich aufgab, als seine Macht mit Gewalt zu sichern.

Erich Honecker war kein schwacher Diktator. Er übernahm von Ulbricht eine Herrschaft, die ihre Zukunftsperspektive schon verloren hatte und sich doch noch fast zwei Jahrzehnte über ihr historisches Verfallsdatum hinaus zu behaupten vermochte.