200. Geburtstag von Abraham Lincoln Die letzte, beste Hoffnung auf Erden

Der Dritte ist Jörg Nagler, Professor für nordamerikanische Geschichte in Jena. Er hat mit "Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident" das umfangreichste Porträt vorgelegt (Verlag C. H. Beck, München 2009. 464 S., 26,90 Euro). Eine solch breitgefächerte Untersuchung ist nötig, um die Gegensätze und Brüche in Lincolns Charakter zu erfassen: die Selbstzweifel und die erbitterte, bisweilen rücksichtslose Entschlossenheit, die Traurigkeit nach dem frühen Tod zweier Söhne und das unerschütterliche Vertrauen in die Güte des Menschen.

Diese enigmatische Gestalt verlangt nach einer Biographie, die sich auf Basis der Fakten auch in die verborgenen Gänge eines Lebenslaufs wagt. Jörg Nagler hat sie geschrieben. Sein Buch, flüssig zu lesen, ist das genaueste, gedankenreichste und ausgewogenste Porträt unter drei durchaus bemerkenswerten Neuerscheinungen.

In der zentralen Frage, wie hell die Lichtgestalt Lincoln angestrahlt werden soll, bemühen sich alle Autoren um Balance - Ronald Gerste entscheidet sich schnell für den großen Scheinwerfer. Aber auch er legt Lincolns rassistisch durchwirkte Vorurteile offen und betont die Dominanz der Staatsräson, die der Präsident in einem Brief an den Zeitungsherausgeber Horace Greeley bekräftigte: "Ich will die Union retten. (...) Wenn ich sie retten könnte, indem ich keinen Sklaven befreie, würde ich es tun, und wenn ich sie retten könnte, indem ich alle Sklaven befreie, würde ich es tun. Und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige Sklaven befreie und andere nicht, würde ich es tun."

Diese Passage wird oft angeführt, seltener dagegen der Schlusssatz des Briefes. Er habe gemäß seiner offiziellen Pflicht zu handeln, schreibt Lincoln da, doch sein persönlicher Wunsch sei es, "dass alle Menschen überall frei sein mögen". Die Emanzipationserklärung war auch für Lincoln eine Befreiung, weil seine offizielle Pflicht, die Einheit des Landes zu bewahren, endlich mit seiner über Jahrzehnte immer wieder vorgetragenen Ablehnung der Sklaverei verschmolz.

Wie einige der Gründerväter, Sklavenhalter wie Washington oder Jefferson, war Lincoln wohl beides zugleich: ein Streiter für Freiheit und doch ein Kind seiner Zeit. Das Experiment der amerikanischen Demokratie, "der letzten, besten Hoffnung auf Erden", hat er vor dem Scheitern bewahrt und am Ende auch das Kainsmal der Sklaverei getilgt. Er mag die längste Zeit seines Lebens nicht an die Gleichheit der Rassen geglaubt haben, wohl aber an das Recht eines jeden Menschen auf das Streben nach Glück.

Ein feuriger Abolitionist hätte sein Werk nicht vollbringen können, es hat einen Lincoln in all seinen Widersprüchen gebraucht, der - das macht das Werk Jörg Naglers im Besonderen deutlich - in den Jahren seiner größten Prüfung über sich selbst hinauswuchs. Er war, in den Worten des militanten Bürgerrechtlers W. E. B. DuBois, "groß genug, um ungereimt zu sein".

In seinem Epilog zitiert Jörg Nagler Barack Obama. Der sagt, es seien genau Lincolns "Unvollkommenheiten" und die "schmerzhafte Selbsterkenntnis dieser Schwächen", die den Vorgänger für ihn "so unwiderstehlich" machten. Und spätestens da verfestigt sich beim Leser der Eindruck, dass Barack Obamas Berufung auf Lincoln wohl doch weniger Hybris ist als vielmehr berechtigte Hommage. 1876 hatte der Abolitionist Frederick Douglass bekundet, die Weißen seien die Kinder Lincolns, die Schwarzen "bestenfalls seine Stiefkinder".

Nun, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, hat Barack Obama - wie vor ihm Martin Luther King - Abraham Lincoln als Vater anerkannt.