Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Joseph Ratzinger ist der bekannteste Deutsche der Welt geworden. Doch noch immer bestimmt Traunstein, der Ort seiner Kindheit, das Wirken von Papst Benedikt XVI..

Man muss in Traunstein gewesen sein, um Papst Benedikt XVI. zu verstehen, nicht in Marktl, wo sie den großen Wirbel um den Mann machen, der am Montag vor 80 Jahren dort geboren wurde. Fern von den großen Städten liegt der Ort vor den Bergen, und noch ein wenig weiter abgelegen liegt das bescheidene Bauernhaus, in dem Joseph Ratzinger Kindheit und Jugend verbrachte. Wer Glück hat, bekommt die Zinnkrüglein gezeigt, mit denen der fromme Junge einst Heilige Messe gespielt hat.

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Der kleine Joseph ist groß geworden und berühmt, Professor, Bischof, Präfekt der Glaubenskongregation, Papst. Er hat die Welt bereist und ist nun der bekannteste Deutsche der Welt. Aber das Traunstein seiner Kindheit ist in ihm geblieben: mit seinem ungebrochenen Katholizismus, vor dem auch die Nazis machtlos standen; mit seiner bodenständigen Frömmigkeit, mit der Wärme einer Heimat, in die nichts Fremdes, Verunsicherndes, Unheimliches eindringt.

Vieles, was Joseph Ratzinger an kritischem über die westliche Welt und die Modernisierungen in der katholischen Kirche gesagt hat, entspringt dem Gefühl: Hier geht etwas verloren, hier werden Wärme und Heimat gegen eine kalte Fremde getauscht, die große Wahrheit des Glaubens gegen die kleine Münze des Relativismus - doch in den Stürmen der Zeit kann die katholische Kirche, kann das Abendland damit nicht bestehen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sich im Papsttum Biographie und Weltgeschichte kreuzen, begegnen, bedingen. Johannes XXIII., der einst Konservative, wandelte sich zum Reformpapst; Johannes Paul II. beschleunigte das Ende des Kommunismus und wurde im Zeitalter der Globalisierung zum Global Player der Moral.

Am kommenden Donnerstag ist Joseph Ratzinger seit zwei Jahren Papst Benedikt XVI., in einer Zeit, in der das aufgeklärte, moderne Europa seine Grenzen spürt, im Zeitalter der Zivilisations- und Religionskonflikte. Wie seit Jahrzehnten nicht mehr agieren die Religionen auf der Weltbühne, als Kriegstreiber und Friedensstifter, Kämpfer für die Menschenrechte und menschenverachtende Fundamentalisten. Und die neue Sehnsucht nach Maßstäben im Weltenchaos trifft sich mit der Sehnsucht nach dem wärmenden, ungebrochenen Traunsteiner Katholizismus des Papstes, der hinter seiner intellektuellen Schärfe lebt.

Politische Einmischung

Kurz vor seiner Wahl zum Papst hat Joseph Ratzinger, der Kardinalsdekan, das Bild einer Kirche gezeichnet, die sich kompromisslos gegen die "Diktatur des Relativismus" stellt. Viele Kardinäle waren begeistert und haben ihn wegen dieser Rede gewählt, viele Beobachter waren erschrocken und fürchteten ein Pontifikat voller bitterer Konflikte.

Das ist bislang nicht geschehen, im Gegenteil hat Papst Benedikt jene überrascht, die in ihm nur den "Panzerkardinal" und finsteren Glaubenswächter sahen. Er ist in sympathischer Schüchternheit vor die Gläubigen getreten und hat ihnen vom Glauben und seiner Schönheit erzählt. Er hat in seiner ersten Enzyklika von der Liebe gesprochen und nicht von Verboten; er hat jetzt ein lesenswertes Buch herausgebracht, das er als Ausdruck seiner Suche nach Jesus geschrieben hat, dem Grund seines Glaubens.

Und trotzdem hat sich an der Linie Joseph Ratzingers nichts Grundsätzliches geändert. Das zeigt sich noch nicht einmal so sehr an den ersten innerkirchlichen Konflikten seines Pontifikats um den Schwangeren-Beratungsverein Donum Vitae, um den salvadorianischen Befreiungstheologen Jon Sobrino oder um die Frage, zu welchen Bedingungen künftig die tridentinische Messe wieder gefeiert werden darf.

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