Halbherzige Verordnungen, nachsichtige Wirte, paffende Gäste: In Spanien funktionieren Rauchverbote nicht so gut wie in Italien.
Maria Escobar hat aufgegeben. Seit dem 1. November hängt an der Tür ihres Cafés "El Hecho" ein Schild "Rauchen erlaubt". Das Lokal war eine Oase für Nichtraucher in Madrid gewesen. "Unsere Kellner waren glücklich!", sagt Maria Escobar. Viele Gäste waren für das Rauchverbot, "manche Stammgäste haben aber auch gefragt, ob ich sie vertreiben will". Anfangs seien dann vermehrt Nichtraucher gekommen, "aber die gehen einfach seltener aus". Als der Umsatz um 40 Prozent fiel, kapitulierte sie: "Die Spanier sind noch nicht so weit."
Rauchverbot hin oder her: In Spanien hat sich nicht viel geändert. (© Foto: ddp)
Anzeige
Als am 1. Januar 2006 ein Nichtraucherschutzgesetz in Kraft trat, rieben sich viele Spanier verwundert ihre vom Nikotindunst geröteten Augen. Rauchverbote in Flughäfen, Behörden und Schulen, klar. Aber Kneipen ohne Qualm, das schien eher zu Schweden zu passen als zu Spanien, wo die Zigarette bis dato zur Kneipe gehörte wie die Tapa oder die Caña, das Bierchen an der Bar. Da die Regierung mit Widerstand rechnete, ließ man Schlupflöcher: Besitzer kleiner Bars konnten wählen, ob sie Qualm erlauben oder nicht. Große durften baulich getrennte Raucherbereiche schaffen. Kürzlich brach eine Delegation des Hausärzteverbandes zur Inspektion auf - mit alarmierendem Ergebnis: Zwei von drei Lokalen hielten sich nicht an die Regeln.
Wenn die Fiesta losgeht, vergessen die Gäste gerne, wo der Raucherbereich endet. Spanische Kardiologen fordern deshalb eine Verschärfung des Gesetzes und erinnern daran, dass jährlich 55 000 Spanier an den Folgen des Rauchens sterben. Doch der Trend geht in die andere Richtung. Eben hat die Regierungspräsidentin der Region Madrid, Esperanza Aguirre, großzügige Ausführungsbestimmungen erlassen, die das Rauchverbot am Arbeitsplatz aushöhlen. Valencia und Castilla y Leon wollen nachziehen. Die zentralstaatliche Aufsichtsbehörde hat Widerspruch eingelegt, das Ganze könnte sich zum Verfassungsstreit auswachsen.
Für den Madrider "Klub der Raucher für Toleranz" sind Verbote "Auswüchse des aus USA kommenden Fundamentalismus". Kürzlich denunzierte der Klub eine medizinische Forschungseinrichtung in Valencia, die in einer Stellenanzeige schrieb, Raucher bräuchten sich gar nicht erst zu bewerben. Die valencianische Landesregierung wies das Institut daraufhin an, die Passage zu streichen.
"Rauchen ist rechts"
Im Alltag regiere der "Rauchverbotsverweigerer", konstatiert die Zeitung El Mundo. Der sei meist männlich, unter 30 und Anhänger der oppositionellen konservativen Volkspartei (PP), die dem Nichtrauchergesetz nur halbherzig zugestimmt hatte. So stellte Oppositionsführer Mariano Rajoy klar: "Ich rauche weiter so viele Zigarren wie ich will". Rauchen sei eben rechts, konterte der sozialistische Premier Jose Luis Zapatero. Damit wird er allerdings nicht mehr so gerne zitiert, seit die Zeitung La Vanguardia enthüllte, dass Zapatero bei Gesprächen mit dem Oppositionsführer Artur Mas im Regierungspalast ordentlich gedampft haben soll. Die PP schlachtete das genüsslich aus. Raucher sind eben Wähler, und jeder dritte spanische Wähler raucht.
Jose Manuel Escanilla, Mitbesitzer des traditionsreichen Cafes Gijon in Madrid, raucht nicht. Und er hätte nichts gegen einen rauchfreien Arbeitsplatz einzuwenden, sagt er. Doch trotzdem will er seinen oft illustren Gästen die Kippe nicht untersagen. "Der Kaffee ist nun mal der Kaffee", sagt Escanilla, was heißen soll: in Spanien gehört die Zigarette immer noch dazu.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 9.11.2006)
Zum 30. Todestag von Romy Schneider