Zur Kritik am norwegischen Rechtssystem Sicherungsverwahrung ist die Ausnahme

Auch in Norwegen gibt es die Möglichkeit, eine Person über deren eigentliche Haftdauer hinaus festzuhalten: "Wenn jemand von psychiatrischen Gutachtern als gefährlich eingestuft wird, kann die sogenannte 'Forvaring' angeordnet werden", erklärt Christie. Diese ist in etwa vergleichbar mit der Sicherungsverwahrung in Deutschland. Dazu müsse der Fall jedoch erneut vor einen Richter gebracht werden und dies geschehe "sehr, sehr selten". Denn: "Es ist sehr schwierig festzustellen, dass jemand immer noch gefährlich ist."

Dazu müsse nachgewiesen werden, dass die Gefährlichkeit einer Person Teil ihres Charakters sei. Doch auch wenn ein Täter auf seinem kriminellen Tun beharre, könne der Richter die "Forvaring" anordnen, so der Experte. Der Attentäter von Oslo und Utøya hat in seinem Manifest "2083" angekündigt, nicht eher ruhen zu wollen, bis jene Gesellschaftsordnung zerstört sei, die er als "marxistisch-multikulturell" bezeichnet. Auf den ersten Blick scheint die zweite Bedingung in Breiviks Fall also erfüllt.

Bestmögliche Vorbereitung auf das Leben "draußen"

Die norwegische Justiz erwägt jedoch, den 32-Jährigen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen: Der maximale Strafrahmen würde sich dann um neun Jahre erhöhen. Diese Möglichkeit existiert erst seit wenigen Jahren und könnte bei Breivik erstmals zur Anwendung kommen. Allerdings sei es in diesem Fall nicht möglich, zusätzlich einen nachträglichen Gewahrsam anzuordnen, erklärt Rechtsexperte Christie. "Nach 30 Jahren muss Breivik aus dem Gefängnis entlassen werden."

Angesichts der Monstrosität von Breiviks Taten mag diese Aussicht schockieren - doch in der norwegischen Strafverfolgung ist der Gedanke der Resozialisierung konstituierend. Selbst bei schweren Straftaten wie Mord würden die Haftbedingungen im Verlauf des Strafvollzugs gelockert, sagt Christie. Das Knastleben wird Stück für Stück dem Leben "draußen" angeglichen, um die Häftlinge bestmöglich auf ihre Entlassung vorzubereiten. In Norwegen kommen laut Christie auf 100.000 Einwohner etwa 70 Inhaftierte, in den USA seien es mehr als zehnmal so viele, nämlich mehr als 700.

Zur norwegischen Justizphilosophie gehört auch, den Bedürfnissen derer Rechnung zu tragen, die ihrerseits die Achtung vor dem menschlichen Leben vermissen lassen. Menschlichkeit sei ein zentraler Gedanke in der Strafverfolgung, sagt der norwegische Kriminologe.

Er besteht darauf, dass nur eine Minderheit seiner Landsleute für härtere Sanktionen - wie die Todesstrafe - sei. Das politische Establishment stehe genauso hinter dem Rechtssystem wie ein Großteil der Bevölkerung. "Nur wenn wir unsere Gesellschaft dahingehend ändern, dass wir künftig einen Krieg gegen das Verbrechen führen, wird sich Breiviks pervertierte Vision von Norwegen erfüllen."