Zum Tod des Billy-Erfinders Alter Schwede

Kein Möbel hat die heutige Wohnwelt mehr geprägt als Gillis Lundgrens Billy-Regal. Nun ist der Erfinder gestorben. Die Skandinavisierung des Abendlandes bleibt. Eine Hommage.

Von Kurt Kister

Myrgdal. Tsörlet. Vilot. Auch wenn diese Wörter frei erfunden sind, werden etliche Menschen, die sie lesen, an Ikea denken. Bei Ikea nämlich, dem Möbelhaus, das wie Coca-Cola oder Tempo für viel mehr als nur ein Produkt steht, heißen die Dinge so ähnlich. Man denkt sich allerlei Bezeichnungen aus, die irgendwie modern, lässig und halbwegs schwedisch klingen. Und noch vor den Köttbullar, den Ikea-Frikadellenbulettenfleischpflanzerln, rangiert Billy.

Billy ist das Bücherregal des Abendlandes. So wie sich die Populärkultur des Abendlandes, entgegen allen Pegida-Dumpfbackengeschwätzes, über große Teile der Welt ausgebreitet hat, hat das auch Billy getan. Seitdem es 1978 ersonnen wurde, ist es in seinen diversen Erscheinungsformen deutlich mehr als 40 Millionen Mal verkauft worden. Und in keinem anderen Land stehen so viele Billys herum wie in Deutschland - angeblich mehr als 18 Millionen. Deutschland ist Billy-Land.

Wie jetzt bekannt wurde, ist dieser Tage der Billy-Erfinder Gillis Lundgren im Alter von 86 Jahren gestorben. Lundgren, so heißen wohl Ikea-Schweden, begann 1953 in der damals noch sehr kleinen Firma des deutschstämmigen Ingvar Kamprad. Der war ein gewiefter Geschäftsmann, ist ein nahezu lebenslanger Steuervermeider und zählt heute mit fast 90 Jahren zu den reichsten Männern Europas. Im Laufe eines langen Lebens fielen Kamprads Angestellten Lundgren nicht nur Billy sowie das firmentypische flache Möbelpaket ein, dank dessen sich notfalls drei Billys auf dem Dach eines Käfers transportieren ließen. Lundgren zeichnete außerdem auch noch für ein paar Hundert andere Dinge verantwortlich, die Ikeas Image mit formten.

An Billy lässt sich auch fast alles exemplifizieren, was der empfindsame Bürger, der hipsterische Schöngeist oder gar der kritische Linke an der Gesellschaft bedauern oder verurteilen: Mal wurde Billy mit Giften hergestellt (Formaldehyd), mal sägten osteuropäische Billiglöhner, gar DDR-Gefangene die Pressspanplatten zurecht, mal kamen Billy-Teile aus anderweitig garstigen oder ungerechten Ländern.

Dem Verkauf des Regals tat dies alles wenig Abbruch. Die Massen, unter ihnen viele Hipster, Klein- und Mittelbürger sowie zahlreiche Linke, schleppten stetig Billy 80, Billy 60 und Billy 120 nach Hause. Als Billy im Jahr 1992 kurzzeitig aus dem Lieferprogramm genommen wurde, gab es so heftige Proteste im gesamten Abendland, dass man sich bei Köttbullar eines Besseren besann und alsbald das Kavaljer-Programm nicht mehr als Ersatz für Lundgrens Spanmöbel propagierte. Obwohl der Zusammenbruch des Sozialismus Billys billige Produktionsbedingungen kurzzeitig beeinflusste, überstand das Regal auch diese Fährnisse.

Gillis Lundgren fing 1953 als Designer bei Ikea an, er war der vierte Mitarbeiter. Es war seine Idee, die Kunden ihre Möbel selbst zusammenschrauben zu lassen.

(Foto: dpa)

Billy-Regale gehören zu jenen Dingen im Leben, die man eigentlich schon lange entsorgen wollte, die aber immer noch da sind. Und sie werden bleiben, nicht zuletzt weil man sich scheut, sie auszuräumen - nicht nur weil dies wegen der zweireihig gestellten Bücher Arbeit wäre, sondern auch weil es ja sein könnte, dass man noch mal umzieht. Dann könnte man sie wirklich wegwerfen, oder man könnte sie auch behalten, weil sie ja so einfach ab- und wieder aufzubauen sind.

Apropos aufbauen. Gillis Lundgren hat nicht nur das Regal, dessen Bretter sich durchbiegen, in das Leben so vieler Menschen gebracht, sondern auch den Inbusschlüssel. Selbst der linkshändigste (ja, dieser Komparativ ist grammatikalisch unangebracht) Germanist, der über Max Brod promoviert hat, hat irgendwann in seinem Leben einen oder mehrere Billy(s) mithilfe eines dieser zu kleinen, gebogenen Metallteile zusammengeschraubt. Anders als jene Metallzapfen, auf denen die Bretter ruhen sollten, hat man sonderbarerweise die Inbusschlüssel nie verloren. In einem längeren abendländischen Mittelklasse-Leben haben sich in der dritten Schublade von oben zwei Dutzend solcher Schlüssel angesammelt. Hätte man ein wenig von Anselm Kiefer in sich, würde man ein nachdenklich stimmendes Readymade mit Bezügen auf die deutsche Geschichte aus ihnen gestalten. So liegen sie nur als stumme Zeugen der Ikeaisierung in der Schublade.

Ernsthafte Angehörige der Generation Billy können ihre Lebensabschnitte anhand der Regale nachzeichnen. Von den frühen schwarzen Bücherregalen, die Studentisches aufnahmen, über die Billy-verwandten CD-Racks, die, dübelte man sie nicht an die Wand, gerne umfielen, bis hin zu den indirekt beleuchteten, mit Glasfenstern - Vitrinentür Oxberg - versehenen Luxus-Billys ziehen sich die Spuren Lundgrens durch viele Leben. Übrigens sieht es so aus, als würden auch die Bildschirmleser und Telefonwischer weiter Regale kaufen. Gillis Lundberg ist tot, aber Billy lebt.