Zugunglück in Viareggio Eine "angekündigte Tragödie"

Nur einer der 14 mit Flüssiggas beladenen Waggons ist in Viareggio explodiert, die Folgen sind dennoch verheerend. An der Bahn wird heftige Kritik laut.

Von Birgit Lutz-Temsch

Mindestens mit 90 Stundenkilometern sei der Zug durch Viareggio gefahren, sagt ein Augenzeuge. An dieser Stelle sind die Gleise von Häusern umgeben, wenige Meter vom Gleisbett entfernt parken Autos.

Der Zug mit den Waggons, gefüllt mit Flüssiggas, entgleist, erst springt ein Waggon aus den Schienen, dann weitere vier, ein Waggon wird richtig in die Luft gehoben, das Gas entweicht, es explodiert. Kurz vor Mitternacht ist es, als sich der Himmel über Viareggio rot färbt, bis hin zu den Steinbrüchen von Carrara habe man den Feuerschein gesehen, schreibt die Internetausgabe der italienischen Tageszeitung La Repubblica.

1000 Menschen in Sicherheit gebracht

Die vierzehn Waggons des Güterzugs gehören nicht der italienischen Staatsbahn (Ferrovie dello Stato), sondern einer in Wien ansässigen Firma. Die Flammen umschließen die umliegenden Gebäude, schießen an ihnen vorbei in die Straßen und auf die Plätze. Ein Gebäude, in dem 18 Menschen wohnen, wird dem Erdboden gleichgemacht, ein kleineres steht in Flammen, am Ende sind fünf Gebäude eingestürzt oder ausgebrannt. In Mitleidenschaft wird auch der dort gelegene Sitz der Ambulanz gezogen: Fast alle Einsatzwägen gehen in Flammen auf.

150 Helfer graben die ganze Nacht in den Trümmern nach Opfern, die Lage ist unübersichtlich, anfangs werden mehr als 30 Menschen vermisst. Am Dienstagnachmittag ist die traurige Zwischenbilanz: 17 Menschen sind in den Flammen gestorben, 50 wurden teils schwer verletzt. Und in ein eingestürztes Gebäude konnten die Rettungskräfte noch nicht vordringen, doch darin werden weitere Opfer vermutet. 1000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht, da weitere Explosionen drohen.

Vorwürfe an die Bahn

Eine "angekündigte Tragödie" hat der Gewerkschaftssekretär Guglielmo Epifani das Unglück genannt: "Die ersten Erkenntnisse würden den vielen Alarmen Recht geben, die in den vergangenen Monaten von den Gewerkschaften ausgesprochen wurden, und auf die das Unternehmen immer falsch reagiert hat - bei den Eisenbahnen werden zu alte Materialien verwendet."

Tatsächlich übte die Gewerkschaft heftige Kritik an der Führungsriege der Bahn: In einer Stellungnahme der Eisenbahner heißt es laut der Repubblica: "Der Bruch einer Waggon-Achse eines solchen Gefahrentransports ist nie angemessen in Betracht gezogen worden, obwohl das Risiko sehr wohl bekannt war. Unfälle wie dieser sind unzählige Male passiert, zuletzt erst vor ein paar Tagen in Pisa S. Rossore." Jedes Mal seien die Unfälle glimpflich ausgegangen, doch Konsequenzen seien keine gezogen worden.

Grund dafür sei eine falsche Prioritätensetzung, heißt es in der Stellungnahme weiter: "Der Bahntransport ist ein komplexer Service, in dem auch der kleinste Ausfall größte Tragödien verursachen kann - und als solcher muss auch der kleinste Vorfall größte Bedeutung haben und genau untersucht werden. Wir erneuern unsere harte Kritik an der Führung der Bahn, die Ressourcen und Technologien nur darauf ausgerichtet hat, prestigeträchtige Hochgeschwindigkeitsprojekte zu verwirklichen, während sie den Rest der Eisenbahn, vor allem Güter- und Pendelzüge, verkümmern lassen haben, sei es in Bezug auf Qualität wie auch in Bezug auf Sicherheit."

"Kein ursächlicher Zusammenhang"

Die internationale Güterwagenvermietungs-Gesellschaft Gatx bestätigte unterdessen, dass sie Besitzerin der betroffenen Kesselwaggons sei. Man habe nun einen Mitarbeiter nach Viareggio geschickt, um Informationen zu sammeln und die Umstände zu prüfen, sagte Werner Mitteregger, Geschäftsführer und Finanzvorstand Europa, der Süddeutschen Zeitung. Derzeit könne man noch nicht sagen, um welchen italienischen Leasing-Kunden es sich handle, man sei aber "im höchsten Maße bemüht", zur Aufklärung des schrecklichen Unfalls beizutragen.

Die in Wien ansässige Gatx gehört nach eigenen Angaben zu den führenden Unternehmen im Waggon-Leasing in Europa und hat insgesamt etwa 20.000 Kesselwaggons vermietet. Auf den Betrieb und die Ladung habe man jedoch keinen Einfluss, sagte Mitteregger, das liege beim Kunden, der wiederum die Bahn beauftrage. Über die möglichen Gründe für die Entgleisung eines Waggons, die die Katastrophe verursacht haben soll, gebe es noch keine Erkenntnisse, sagte Mitteregger weiter. Man sehe aber bisher "keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen unseren Waggons und dem Auslöser des Unglücks". Die Kesselwagen, für deren Wartung die Gatx selbst zuständig ist, seien "zyklisch und penibel genau" nach Vorschrift überprüft worden, Mängel wie zum Beispiel eine nun diskutierte mögliche Achsenschwäche, habe es nicht gegeben. Auch Unfälle seien nicht bekannt.

Der italienische Transportminister, Altero Matteoli, hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, Innenminister Roberto Maroni ist auf dem Weg an die Unglücksstelle.