Von Michael Frank, Wien

Wien, die Stadt der Toten: Auf dem Zentralfriedhof wird neuerdings auch an die Menschen erinnert, die ihre Körper der Wissenschaft vermacht haben.

Keine Stadt ist so versessen darauf, ihre Bewohner so pompös unter die Erde zu bringen wie Wien. Das Jenseits inszenieren die Wiener mit einer Hingabe, als wären sie froh darüber, dass so mancher auf Nimmerwiedersehen gegangen ist.

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Pompös: Die Kirche des Wiener Zentralfriedhofs. (© Foto: dpa)

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Ehrengräber und Grüfte überragen oftmals an Positur und Bedeutung alles, was den dort Bestatteten zu Lebzeiten an Ehrerbietung entgegengebracht wurde. Es bedarf bei manchen sogar des Todes, um überhaupt wohlgelitten zu sein: Erst im Februar feierte Wien hingebungsvoll den zwanzigsten Todestag des großen Schriftstellers Thomas Bernhard. Ein exemplarischer Fall: Zu Lebzeiten war Bernhard Objekt gesellschaftlicher und medialer Hasstiraden. "Der Tod, der muss ein Wiener" sein, heißt es in einem Lied. Um so verwunderlicher, dass es viele Tausende gibt, die in dieser Stadt spurlos verschwunden sind. Ohne Grab, ohne Prunktafel. Jene Menschen, die ihre sterbliche Hülle der Wissenschaft zu Studienzwecken hinterlassen haben.

Nun hat sich die Stadt Wien - besonders auf Betreiben Hinterbliebener - bereit erklärt, den posthumen Dienern der Wissenschaft eine würdige Grabstätte zu bereiten. Sie wurde auf dem Gräberfeld des Anatomischen Instituts der Universität auf dem Zentralfriedhof errichtet, dem nach Olsdorf in Hamburg größten Friedhof Europas. So mussten Besucher und Hinterbliebene bei dem Festakt auch mit einem Autobus anreisen, der als reguläre Linie innerhalb des Friedhofs die gewaltigen Distanzen in dieser Stadt der Toten zu überbrücken hilft. Viele liegen hier, bislang ohne jedes namentliche Gedenken: Seit 1975 hat man nahezu 17500 Bürger beerdigt, die ihre Körper der Forschung überlassen hatten.

Architekt Christof Riccabona hat das neue Areal entworfen, ein gemauertes Achteck, in Ziegelrot gestrichene Mauern abgestufter Höhe, in der Mitte eine Stehle mit einer Ampel. Man hat Haken eingelassen, um Kränze und Gebinde anbringen zu können. Vor der Ampel sind unter bronzenen Platten die großen Urnen eingelassen, in denen die eingeäscherten Überreste der Toten in Gemeinschaftsurnen ruhen. Und es gibt eine Acrylwand, an der die Angehörigen ein Namensschild anbringen lassen können, damit ein jeder noch konkret von den Persönlichkeiten Kenntnis nehmen kann, die da ruhen.

Die Legende, es seien meist nur Alleinstehende, die ihre Körper der Forschung überantworteten, ist unausrottbar. Gerade die Familie ist heutzutage oftmals der Grund dafür, dass Menschen ihren letzten Weg ganz anonym nehmen wollen. In früheren Jahrzehnten gab es meist noch einen Obolus für den Spender. Doch diese Zeiten sind ist lange vorbei. Heute muss ein Spender sogar dafür bezahlen, dass sich die Wissenschaft seiner annimmt. In Wien sind es derzeit 450 Euro, die für die Aufopferung an den medizinischen Fortschritt zu entrichten sind. Dafür übernimmt das Anatomische Institut den Leichnam und kümmert sich um alle irdischen Dinge nach dem Tode.

Die neue Grabstätte gibt den Hinterbliebenen Trost. Früher hatten die Gedenkenden oft ihre Blümchen und Kerzen "wild" irgendwo am Friedhof niedergelegt, um ihren Toten irgendwie Respekt zu bezeugen. Jetzt endlich hat auch ihre Trauer einen angemessenen Rahmen.

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(SZ vom 31.3.2009/tkw/hai)