Keine einfachen Antworten, auch nicht zehn Jahre danach: Am 20. April 1999 erschossen zwei Täter an der Columbine High School 13 Mitschüler. Die schreckliche Tat wurde zum Inbegriff des Schul-Amoklaufs.

Amokläufe gab es schon lange vorher, blindwütige Massaker auch an Schulen. Auch danach kam es zu scheinbar willkürlichen Schießereien in aller Welt, in den USA wie in Finnland, in Erfurt wie in Emsdetten und zuletzt in Winnenden. Doch kaum eine Bluttat hat sich so ins Gedächtnis gebrannt wie Columbine: Am Montag vor genau zehn Jahren töteten zwei Teenager in der Columbine High School im US-Staat Colorado zwölf Mitschüler und einen Lehrer, verletzten 23 weitere Menschen und nahmen sich schließlich selbst das Leben.

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Das Ende einer Illusion: Stundenlang übertrug das Fernsehen Bilder von dem Massaker an der Columbine High School am 20. April 1999. (© Foto: AP)

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Zehn Jahre später erinnert sich das Land erneut: An der Columbine High School im US-Staat Colorado haben mehrere hundert Menschen an einer Mahnwache teilgenommen. Am Mahnmal für die Opfer stellten sie Kerzen auf und legten Blumen nieder. Zum Gedenken an die 13 Todesopfer der Schießerei bleibt die Schule am Montag geschlossen. Die Präsidentin der Gedenkstiftung Columbine Memorial Foundation, Kirsten Kreiling, sagte, wie unmittelbar nach dem Amoklauf halte die Schulgemeinschaft auch zum 10. Jahrestag zusammen.

Aus Anlass des Jahrestages werden die Flaggen an öffentlichen Gebäuden im US-Bundesstaat Colorado auf Halbmast wehen. Auch in anderen Gemeinden des Staates sind Trauerkundgebungen geplant. Es ist das Gedenken an eine Tat, die auch heute noch nicht zu verstehen ist.

Am 20. April 1999, einem Dienstag, gegen halb zwölf vormittags stürmen der 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold auf das Gelände der Schule in der Kleinstadt Littleton bei Denver. Sie tragen schwarze Trenchcoats und sind schwer bewaffnet. Schon auf dem Parkplatz eröffnen sie das Feuer. Eigentlich wollen sie in der voll besetzten Cafeteria Sprengsätze hochgehen lassen und dann die Fliehenden erschießen, wie später die Ermittlungen ergeben. Doch die meisten Bomben Marke Eigenbau zünden nicht. Da feuern sie kaltblütig um sich, erst in der Cafeteria, dann in anderen Gebäudetrakten. Als Einsatzkommandos in die Schule eindringen, sind sie tot.

Vorbild für spätere Täter

Ein Schock für Amerika. Das bis dahin folgenschwerste Massaker an einer Schule, der Rettungseinsatz live und in Farbe stundenlang im Fernsehen. Das Ende der Illusion, dass es in den Schulen der Vorstädte und Landgemeinden noch friedlich und sicher zugeht. Columbine sei zum Inbegriff des Amoklaufs an einer Schule geworden, es habe das Bild davon geprägt, meint die Soziologieprofessorin Katherine Newman von der Universität Princeton, die die Ursachen solcher Schießereien zu ergründen versucht hat.

Columbine wurde anderen verwirrten jungen Männern zum Vorbild. So berief sich der 23-jährige Cho Seung-Hoi, der 2007 an der Universität Virginia Tech 32 Menschen niedermetzelte, auf "Märtyrer wie Eric und Dylan".

Auch der 18-jährige Finne Pekka-Eric Auvinen, der im selben Jahr an einer Schule in Tuusula acht Menschen umbrachte, widmete den beiden E-Mails und Beiträge auf einer Website. "Nachfolgende Täter, von einer Art Konkurrenzdenken getrieben, beziehen sich immer vor allem auf Columbine", stellt Newman fest.

"Etwas Besonderes sein"

Was Harris und Klebold letztlich zu Mördern machte, bleibt ein Rätsel. Ein Tagebuch liefert Anhaltspunkte für mögliche Motive: Rache für erlittene Schmach, der Wille, sich von anderen abzuheben, und eine verworrene Nazi-Ideologie. Demnach wurde das Massaker ein Jahr lang gezielt für den 20. April, Hitlers Geburtstag, geplant. "Wir wollen anders sein, wir wollen etwas Besonderes sein und wir wollen nicht, dass andere uns fertigmachen", heißt es an einer Stelle.

Tausende von Dokumenten zu dem Fall wurden veröffentlicht, andere Ermittlungsakten wie die Aussagen der Eltern der Täter bleiben unter Verschluss. In Büchern zum zehnten Jahrestag beschreiben Wissenschaftler und Journalisten Harris als gerissenen, hasserfüllten Psychopathen ohne jedes Mitgefühl und Klebold als gestörten Teenager mit schweren Depressionen und Selbstmordneigung. Der Kinderpsychologe Peter Langman hält Klebold für psychotisch und paranoid. In seinem Buch "Warum Kinder töten" kommt er zu dem Schluss, dass die meisten Schul-Amokläufer psychisch ernsthaft krank waren und ihre gestörten Persönlichkeiten eine tiefsitzende Wut erzeugten, die in Massenmord mündete. "Sie waren verwirrt und verzweifelt und verloren im Irrgarten ihrer Gedankenwelt."

Psychische Erkrankung nicht einzige Ursache

Viele Leute wünschten sich eine einfache Antwort auf das Warum in der Hoffnung, dass es dann auch eine einfache Lösung gebe, erklärt der Experte. Doch Geisteskrankheit allein sei auch keine Erklärung, schon allein deshalb, weil die allermeisten gestörten Jugendlichen nicht zu Mördern werden. Auslöser für Amokläufe seien eher "komplexe Kombinationen umgebungsbedingter, familiärer und individueller Faktoren", die sich von Täter zu Täter unterschieden, sagt Langman, der sich auch auf Newmans Arbeit stützt. Auch die Soziologin will die Gewaltausbrüche nicht bloß dem psychischen Befinden der Täter zuschreiben. Die Psychologie könne beispielsweise nicht erklären, warum sich Schulmassaker eher in kleinen Orten und nicht in Großstädten ereigneten.

Doch es gibt Warnzeichen. Kinderpsychologe Langman hat etliche gestörte Jugendliche begutachtet, die dumpf vor sich hin starrten, Todeslisten aufstellten oder Bomben bastelten. Nicht alle von ihnen stellten eine unmittelbare Gefahr dar, erklärt er. Seine Einschätzung hängt vor allem davon ab, ob sie konkrete Tatvorbereitungen treffen. Darauf bei Mitschülern zu achten, meinen Newman und Langman, müsse Jugendlichen immer wieder beigebracht werden.

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(AFP/AP/grc)