Wölfe in Frankreich Ernährungskunde für Raubtiere

Frankreich will seine Wölfe dazu erziehen, weniger Schafe zu reißen. (Archivbild aus dem Natur- und Umweltpark in Güstrow) 

(Foto: dpa)

Der Wolf galt in Frankreich als ausgerottet, nun ist er zurück. Damit die Raubtiere nicht so viele Schafe reißen, greift die französische Regierung mit einem "nationalen Wolfsplan" zu ungewöhnlichen Erziehungsmaßnahmen. Deutsche Umweltschützer halten das Experiment für sinnvoll. Bei den Franzosen sorgt es hingegen für Spott.

Von Charlotte Theile

Überall in Europa wandern seit gut 20 Jahren wieder Wölfe ein, etwa 100 bis 120 sind es in Deutschland. Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Bestand fast verdoppelt. Noch mehr Wölfe gibt es in Frankreich, wo das Raubtier ebenfalls als ausgerottet galt. Erst 1992 kam der erste Wolf über die Grenze zu Italien zurück. Inzwischen leben wieder mehr als 250 Tiere in Frankreich - und die sorgen für ziemlich viel Ärger.

Allein 2012 rissen die Wölfe insgesamt 5848 Schafe - mehr als 23 Schafe pro Wolf und Jahr. Nun sollen die hungrigen Räuber besser erzogen werden. Ein "Nationaler Wolfsplan" für die Jahre 2013 bis 2017 sieht ein Experiment vor: Wölfe, die bei einem Angriff auf eine Schafherde ertappt werden, sollen eingefangen und markiert werden. Die Behörden hoffen, dass sich die scheuen Tiere so richtig erschrecken - und künftig lieber Rehe, Wildschweine oder freilebende Kaninchen reißen.

Roland Gramling vom WWF in Deutschland hält diese Maßnahme für sinnvoll: "Wölfe sind Opportunisten und fressen immer das, was ihnen gerade am einfachsten erscheint. Wenn sich ein Wolf einmal daran gewöhnt hat, Nutztiere zu reißen, ist es mit hohem Aufwand verbunden, ihn wieder davon abzubringen. Deshalb sei es wichtig, mit Präventivmaßnahmen wie Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden dafür zu sorgen, dass die Wölfe erst gar nicht an Schafe oder Ziegen herankommen. In alpinen Gebieten, wo ein Großteil der französischen Wölfe lebt, sei das schwieriger. Dort haben sich die Bauern daran gewöhnt, ihr Vieh unbehütet auf der Alm zu lassen. Wie auf dem Silbertablett.

Der Konflikt zwischen Naturschützern und Schäfern spitzt sich in Frankreich immer stärker zu. Hier hat sich die Anzahl der gerissenen Schafe seit 2008 mehr als verdoppelt. Viel mehr Wölfe sind es in dieser Zeit allerdings nicht geworden: Schon vor fünf Jahren, im Wolf-Aktionsplan für die Zeit von 2008 bis 2012, ging Paris von gut 200 Wölfen aus. Was ist geschehen?

Zwei Millionen Euro für die Wolfsbeute

Eine Möglichkeit: Die Wölfe sind auf den Geschmack gekommen, reißen immer mehr Schafe und sparen sich die langwierige Jagd auf Wildtiere. Eine andere: Die Schafzüchter machen Wölfe systematisch für Schafsrisse verantwortlich - selbst wenn das Tier vielleicht einen anderen Tod gestorben ist. Das vermuten zumindest einige Umweltschützer. Denn für ein vom Wolf getötetes Tier wird der Hirte von der Pariser Regierung entschädigt. Mehr als zwei Millionen Euro kostete das zuletzt den französischen Steuerzahler.

Nun also eine weitere, kostenintensive Maßnahme, die das Zusammenleben mit dem Wolf erleichtern soll. Daniel Spagnou, Bürgermeister der Gemeinde Sisteron in den Provenzalischen Voralpen, glaubt nicht an ihren Erfolg: "Dann kann man genauso gut versuchen, einen Hai zu erziehen" spottet der Lokalpolitiker. Er kämpft schon seit Längerem mit den Schäfern gegen die Wölfe in der Region. "Was für ein Theater! Was kommt als Nächstes? Wolfdompteure?"

WWF-Experte Gramling dagegen hält die französische Maßnahme für sinnvoll. Dass man Wölfe vergrämt, also von Nutztieren und Menschen wegscheucht, sei ganz normal. Und da es sich bei den französischen Wölfen augenscheinlich um hartgesottene Schafsliebhaber handelt, müsse man hier eben zu schärferen Maßnahmen greifen. Auch in Frankreich kommt der Plan gut an: Elf Nationalparks wollen sich nach Angaben des französischen Umweltministeriums beteiligen.

Deutsche Wölfe fressen Wild

Was die deutschen Wölfe fressen, wenn sie keine Schafe reißen? Damit hat sich die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Görlitz beschäftigt. Nach Auswertung von mehr als 3000 Kotproben kamen sie zu dem Ergebnis, dass Wölfe hierzulande vor allem Huftiere zu sich nehmen. Rehe, Hirsche und Wildschweine stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Nutztiere fallen den Wölfen um Görlitz nur selten zum Opfer: Schafe zum Beispiel wurden in weniger als einem Prozent der untersuchten Proben gefunden.

Das bestätigt auch das sächsische Umweltministerium: In dem Bundesland mit den meisten Wölfen, etwa acht Rudel sind es im Moment, wurden 2012 gerade mal 52 Tiere verletzt oder getötet. Auch die Ausgleichszahlungen waren vergleichsweise gering: Das Ministerium hat genau 2106 Euro und 95 Cent an Schadenersatz geleistet.

Mit Material von AFP