Witalij Kalojew verlor 2002 beim Flugzeugunglück von Überlingen seine Familie, erstach den verantwortlichen Fluglotsen und arbeitet jetzt als Vize-Minister.
Von der Ausbildung her ist Witalij Kalojew Architekt. Ausgeübt hat er diesen Beruf schon lange nicht mehr. Wie lange, das lässt sich genau datieren auf den 2. Juli 2002, an dem Kalojew auf dem Flughafen von Barcelona erfuhr, dass seine Frau Swetlana, sein Sohn Konstantin, zehn Jahre alt, und seine Tochter Diana, vier Jahre alt, nicht mehr kommen werden.
Witalij Kalojew verlor beim Flugzeugunglück von Überlingen 2002 seine Familie, erstach den dafür verantwortlichen Fluglotsen und ist nun Vize-Bauminister in der russischen Republik Nordossetien. (© Foto: dpa)
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Die Familie hatte den Vater in Spanien besuchen wollen, wo er damals arbeitete. Eine halbe Stunde vor Mitternacht stieß das Flugzeug der Bashkirian Airlines über Überlingen mit einer Frachtmaschine der Gesellschaft DHL zusammen. Alle 71 Insassen starben, weil der Lotse Peter Nielsen einen Fehler gemacht hatte. Am 24. Februar 2004 hat Witalij Kalojew diesen Mann erstochen. Im Affekt, sagten die Anwälte. Vorsätzlich, entschied das Schweizer Gericht und verurteilte Kalojew zu acht Jahren Gefängnis.
Selbstjustiz als Notwehr gegen den Westen
Nun arbeitet Kalojew wieder. Am Montag hat der 51-Jährige in Wladikawkas seine Stelle als Vize-Bauminister der zu Russland gehörenden Kaukasus-Republik Nordossetien angetreten. Republikpräsident Taimuras Mamsurow, der Kalojew einen "Bruder" nennt, hat ihm den Job verschafft. Ganz so, als handele es sich um eine Routine-Personalie, sagt Achsarbek Chodow, ebenfalls Vize-Bauminister, über seinen neuen Kollegen: "Er ist ein fähiger Spezialist, Profi und kommunikativer Mensch."
Auch Kalojew findet seine Berufung "normal und gewöhnlich". Gewöhnlich indes war schon seine Rückkehr in die Heimat nicht, die möglich wurde, nachdem er zwei Drittel der in höherer Instanz auf fünf Jahre und drei Monate reduzierten Strafe verbüßt hatte. In Moskau wurde ihm ein Heldenempfang bereitet. Die antiwestliche Putin-Jugend "Naschi" feierte Kalojew als ,"wahren Menschen" und als "einen von uns". So wurde Kalojews Selbstjustiz umgedeutet zu einem Akt der Notwehr gegen den Westen.
"Der Empfang Kalojews auf dem Moskauer Flughafen und die damit verbundenen Kommentare haben gezeigt, dass ein großer Teil der russischen Bevölkerung nicht nur mit dem ossetischen Architekten fühlt, sondern in ihm auch einen neuen Helden sieht", schrieb die Wirtschaftszeitung RBK daily. Über die Liberalen in Russland mokierte sich das Blatt, weil sie an die "Unvoreingenommenheit der westlichen Machtorgane glauben und Kalojew verurteilen, der zu Hause sitzen bleiben und auf Gerechtigkeit aus den Händen des Schweizer Gerichtes hätte warten sollen." Die Zeitung Iswestija lobte gar Kalojews "offene, starke Gefühle", die dem Westen Angst machten.
Offen bleibt, was die russische Machtelite von so "offenen, starken Gefühlen" hielte, würden sie sich im Land selbst Bahn brechen - wenn also alle jene zur Selbstjustiz greifen würden, die bei Unglücken und Terroranschlägen wegen der Unfähigkeit oder Kaltschnäuzigkeit von Bürokraten Angehörige verloren haben. In Kalojews Heimat Nordossetien machen die Menschen keineswegs nur die Terroristen, sondern auch die Sicherheitskräfte für die hohe Zahl der Toten bei der Schul-Geiselnahme von Beslan verantwortlich. Von derlei Frust muss abgelenkt werden. Neue Helden kommen da höchst gelegen.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 22.1.2008/mmk/gf)
Kapitalabzug aus Südeuropa
Ja, es ist richtig: Selbstjustiz ist verboten. Ja, es stimmt: Witalij Kalojew hat einen Menschen umgebracht. Es stimmt drittens: Er ist kein Held.
Und trotzdem - dieser Mann tut mir unendlich Leid. Aus bloßer Schlamperei und Missmanagement heraus, wurde sein Leben zerstört, egal, was er jetzt ist und macht.
... um irgendwann Verantwortung übernehmen zu müssen für einen der regelmässigen Bauwerkseinstürze in Russland.