Millionen Pistolen und Gewehre lagern in deutschen Haushalten - die Schützenvereine wollen es nicht anders. Auch nicht nach dem Amoklauf von Winnenden. Justizministerin Zypries fordert bessere Kontrollen.
Da wird nicht diskutiert: "Freunde, es gibt viele Leute da draußen, die euch das Recht auf das freie Tragen von Waffen rauben wollen." So reden die Funktionäre der National Rifle Association in den USA. Die mächtige Interessengruppe hat alle Versuche vereitelt, den Verkauf von Waffen in Amerika zu beschränken.
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Im Visier: das Schützenhaus in Leutenbach. Hierhin nahm der Vater seinen Sohn mit, wenn er zum Schießtraining ging. Die Waffen lagerte er zu Hause. (© Foto: ddp)
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Wie groß der Einfluss deutscher Waffenlobbyisten ist, lässt sich aus den Äußerungen des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU) nach den 16 Toten von Winnenden schließen. Es sei nun nicht die Zeit, die Schützenvereine zu verunglimpfen: "Sie leisten gute Jugendarbeit und sind ein wichtiger Bestandteil der deutschen Tradition." Tim K., der 17-jährige Amokläufer, war oft zu Gast im Schützenverein seines Vaters.
Deutschland gilt als Land mit besonders harten Waffengesetzen. So gibt es nur wenige Tausend Privatpersonen, die ohne dienstlichen und amtlichen Grund, sondern zum Selbstschutz eine Waffe tragen dürfen - etwa ein Mann mit vielen Feinden: der Chef der rechtsextremen DVU, Gerhard Frey, dem das Münchner Landratsamt über Jahre vergeblich den Waffenschein entziehen wollte. Das Problem sind aber nicht die Gesetze an sich. Das Problem sind die Ausnahmen vom Gesetz, vor allem für Schützenvereine.
Etwa zwei Millionen Sportschützen gibt es im Land, organisiert meist im mächtigen Deutschen Schützenbund (DSB) mit 1,45 Millionen Mitgliedern. Nach einer Frist von einem Jahr Vereinsmitgliedschaft und einer Ausbildung, die mit Kleinwaffen wie Luftpistolen beginnt, hat der Schütze das Recht auf eine Waffenbesitzkarte, ausgestellt von den örtlichen Behörden. Dann darf er die Pistolen oder Gewehre kaufen, mit denen er üben will; öffentlich tragen darf er sie aber nicht.
Nach Schätzungen des DSB besitzt jeder Schütze durchschnittlich vier Waffen, das allein ergibt acht Millionen legal zugelassene Schusswaffen für die Sportsfreunde. Der Vater des Winnenden-Attentäters hatte mehr als ein Dutzend scharfe Waffen. "Das ist schon deutlich über dem Durchschnitt", sagt DSB-Sprecher Birger Tiemann. Aber illegal ist es nicht. Denn das Schützenwesen ist in viele Einzeldisziplinen aufgeteilt, und pro Disziplin darf das Vereinsmitglied eine Waffe und eine Ersatzwaffe halten. Auch Robert Steinhäuser, der 2002 in Erfurt 16 Menschen und sich selbst erschossen hat, war Mitglied in einem Schützenverein.
Die Vereine gehen auf die Kriege des Mittelalters zurück. Das Armbrustschützenzelt auf dem Oktoberfest ist noch nach den städtischen Milizen benannt, die im Ernstfall die Münchner Stadtmauer zu verteidigen hatten. Diese Aufgabe schuf Identität, Gruppensolidarität, Heimatgefühl. Es sind traditionsreiche, gerade auf dem Land stark besuchte Vereine; und insgesamt bilden sie ein beachtliches Wählerpotential.
Der DSB lehnt es grundsätzlich ab, dass Schützen ihre Waffen im Vereinsheim lassen müssen, statt sie mit heimzunehmen. Zu Hause aber lagern dann die Waffen, die ein junger Amokschütze zum wahllosen Morden braucht. Das war in Winnenden so und in Bad Reichenhall, wo ein 16-Jähriger 1999 ein Blutbad anrichtete; oder 2003 in Coburg, als ein Realschüler mit einem Colt aus dem Waffenarsenal des Vaters auf seine Lehrerin schoss.
Soll man die Waffen also aus den Häusern verbannen? DSB-Sprecher Birger sagt: "Unsere Vereinsheime liegen meist am Rand der Städte und Dörfer. Wenn jemand weiß, dass dort Waffen im Dutzend lagern, würde bald eingebrochen." Selbst Konrad Freiberg von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist skeptisch: "Man müsste die Vereinsheime dann zu rund um die Uhr bewachten Festungen ausbauen." Er plädiert dafür, die Zahl der Waffen zu begrenzen, die Sportschützen erstehen dürfen: "Jede Waffe weniger ist eine gute Waffe." Anderseits: "Wenn der Vater in Winnenden nur zwei Pistolen gehabt hätte statt 16, wäre der Sohn wohl trotzdem Amok gelaufen."
Der DSB verweist, wie stets nach Amokläufen, auf die Vorschriften. "Hätte sich der Vater daran gehalten, wäre dieses schreckliche Verbrechen nicht passiert", sagt Tiemann. Die Waffen sind im Tresor zu verschließen, getrennt von der Munition. Aber in Winnenden war das nicht so. Und kontrolliert wird kaum.
Psychologen beobachten einen Kult um die Waffe, der auch ein Teil des Schützenwesens ist. "In vielen Fällen zeigen die Väter ihren Söhnen die Pistole und sind stolz darauf", sagt die Gießener Kriminologieprofessorin Britta Bannenberg: "Die Waffe stiftet Identität, sie verleiht ein Gefühl der Sicherheit. Auch wollen viele Sportschützen ihre Pistolen und Gewehre zu Hause aufbewahren." Das Problem: "Die jugendlichen Söhne wissen immer, wo die Waffe ist."
Am Freitagmorgen zeigt sich einmal mehr, wie sehr der DSB das Problem ignoriert: Vizepräsident Jürgen Kohlheim sagte, die dezentrale Aufbewahrung in den privaten Haushalten der Schützen erhöhe die Sicherheit, weil "eigentlich niemand weiß, wo Waffen zu holen sind".
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Kann mir jemand erklären, wozu wir Sportschützen brauchen? Welchen Nutzen hat die Gemeinschaft von Ihnen? Schützenvereine lassen sich ja mit viel gutem Willen noch mit Traditionspflege vereinbaren. Aber warum müssen die Schützen eine Waffe zuhause lagern - oder gar 16 wie im Fall von Tim's Vater? Immer wieder werden Menschen durch die Nutzung dieser "legalen" Waffen verletzt oder getötet. Wenn schon Schützenvereine und Sportschützen, dann lagert die Waffen doch bitte dort wo sie gebraucht werden - im Schützenheim. Auch wenn dies Geld kostet. Die Sicherheit der Gemeinschaft vor diesen völlig überflüssigen Verbrechen geht vor
Man liest immer von ca. 1 1/2 Millionen Sportschützen in Deutschland. Noch an keiner Stelle wurde eine Unterscheidung zwischen Luftgewehr- und Großkaliberschützen gemacht.
Das ist für mich nicht gerade ein Kennzeichen einer seriösen Auseinandersetzung mit diesem Thema!
Auch bei einer zentralen Aufbewahrung sollen / würden Schützen doch für ihre Trainings Zugang zu den Waffen haben, oder?
Ich stelle mir das so vor, dass ein Schütze sich vor dem Training seine Waffe bei der Polizei abholt (und nachher wieder zurück bringt).
Im Fall Winnenden hätte das vielleicht was gebracht - in Erfurt war der Täter selbst Schütze, hätte also (jederzeit?) Zugang zu seiner Waffe gehabt. Und die Polizei kann ja nicht in den Augen des Abholers ablesen, wofür er jetzt eigentlich seine Waffe haben will.
Wäre das also wirklich eine Lösung?
Man muss sich ernsthaft fragen, was das für pubertäre Kleingeister sind, die Mordinstrumente als Sportgeräte und Spielzeuge benutzen und voller Stolz ihre private Waffenkammer wie ein Weinlager präsentieren. Aber wenn es tatsächlich gar nicht anders geht, dann gehören diese Utensilien in einen gepanzerten und wenn notwendig rund um die Uhr bewachten Panzerschrank auf dem Gelände des Schützenvereins. Ein besonderes Hobby ist eben etwas teurer. Die dümmlichen Argumente der Waffenlobby, eine dezentrale Lagerung hätte den Vorteil, dass niemand weiss, wo Waffen sind, wer eine Waffe benutzen wolle, der bekäme sie auch und überhaupt läge alles nur an den Pflichtverletzungen der Besitzer, zeigen nur das fehlende Problembewusstsein dieser hochdekorierten Herren Schützen. Zumindest dieser Amoklauf wäre verhindert worden.
Vielen Dank für ihre seriöse Aussage, genau diesen Punkt habe ich heute morgen mit einem Lehrer und einer Psychologin diskutiert. Beide stimmten mit Ihnen überein. Die betreuen beide schwer erziehbare Jugendliche und beklagen sich über zunehmende Ignoranz der Gesellschaft gegenüber Ihrer Arbeit. Gerade habe ich das in einen Brief an den Abgeordneten meines Wahlkreises aufgenommen.
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