Wien Gefühllosigkeit, Hetze und rüder Rassismus

Wien, Wohnanlage Ditteshof. 16 Stiegen, 279 Wohnungen, 520 Bewohner. Hier lebte Hadishat mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern. Am Freitag ging sie zu den Nachbarn, ein Eis essen. Einen Tag später wurde ihre Leiche im Müllcontainer gefunden.

(Foto: Franz Gruber/picture alliance)

Ein 16-Jähriger ersticht seine siebenjährige Nachbarin - beide stammen aus Tschetschenien. Auf rechten Internetseiten ist schnell von "Ehrenmord" und "Blutrache" die Rede. Der mutmaßliche Täter sagt, er sei "schlecht drauf gewesen".

Von Peter Münch, Wien

So sehen Tatorte aus in den Tagen danach, tausend Mal gefilmt, tausend Mal fotografiert: Gleich hinter dem Eingang zum "Ditteshof", einer städtischen Wohnanlage im 19. Wiener Gemeindebezirk, flackern Teelichter und Kerzen auf dem Asphalt, Blumen welken, Puppen und Plüschtiere liegen daneben, die zum Schutz gegen den stets drohenden Regen in Plastikfolie gewickelt sind. Direkt vor den Müllcontainern ist die kleine Gedenkstätte errichtet worden, und die Ruhe ringsum kann nur gespenstisch erscheinen angesichts des hier verübten Verbrechens. Denn in einem dieser Container ist am vorigen Wochenende die siebenjährige Hadishat ermordet aufgefunden worden. Sie hat hier gewohnt, sie hat hier gespielt - genauso wie ihr mutmaßlicher Mörder, ein 16-jähriger Junge aus dem Nachbarhaus.

Der Ditteshof ist das Epizentrum einer Erschütterung, die die ganze Stadt und das ganze Land erfasst hat. Die Blicke richten sich auf diese schmucklose Wohnanlage aus den Zwanzigerjahren, 16 Stiegen, 279 Wohnungen, 520 Bewohner. Längst changiert die gelbe Farbe der Fassade ins schmutzig Graue. Die Ladenlokale, die hier einstmals an der Straßenfront untergebracht waren, liegen verwaist hinter verdreckten Scheiben. Es ist der Ort einer Bluttat, zu der noch viele Fragen offen sind. Sie bleibt unerklärlich auch nach der polizeilichen Aufklärung. Aber manches ist hier auch allzu sichtbar an die Oberfläche gekommen. Gefühllosigkeit zum Beispiel, und auch Hetze und rüder Rassismus.

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Zunächst zur Tat: Am Freitagnachmittag ist Hadishat, die mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern im Ditteshof lebt, plötzlich verschwunden. Zuletzt war sie gegen 15 Uhr am Spielplatz gesehen worden. Die Familie und Freunde suchen nach ihr, am Abend wird eine Vermisstenanzeige bei der Polizei gestellt, am nächsten Morgen werden die Ängste zur Gewissheit. Die Männer von der Müllabfuhr finden die in Plastiksäcke gehüllte Leiche des Mädchens. Es ist erstochen und ohne Anzeichen für ein Sexualdelikt furchtbar zugerichtet worden.

Die Familien stammen beide aus Tschetschenien, sie leben Haus an Haus

Die Tätersuche konzentriert sich auf die Nachbarschaft, es wird nach Blutspuren gesucht, im Keller, in den Außenanlagen und im Haus, bis die dafür eingesetzten Hunde an einer Wohnungstür anschlagen. Der 16-Jährige, der anschließend dort hinter dieser Tür verhört wird, behauptet zunächst, er habe sich in der Schule geschnitten. Doch bald schon gesteht er die Tat. Er kannte das Mädchen gut, die Familien sind eng befreundet, sie war zu ihm gekommen, um ein Eis zu essen. Danach lotste er sie ins Badezimmer, mit einem Brotmesser hat er zugestochen. "Der Kopf des Kindes war fast zur Gänze abgetrennt", sagt der für den Fall zuständige Polizist, als er die Ermittlungsergebnisse vor der Presse vorstellt.

Der 16-jährige Gymnasiast wird als fleißiger und guter Schüler beschrieben, nie hatte er Ärger mit der Polizei gehabt, nichts war bekannt über psychische Probleme. Es findet sich auch kein konkretes Motiv. "Er hat angegeben, dass sich bei ihm in der vergangenen Woche eine allgemeine Wut aufgebaut hat", erklärt die Polizei. Er sei "schlecht drauf gewesen". Er schildert im Verhör, wie er zugestochen hat und danach versuchte, die Spuren zu beseitigen. Auf die Frage, ob er nicht damit gerechnet habe, entdeckt zu werden, sagt er demnach: "Wahrscheinlich schon", aber er habe auch gehofft, dass die Müllabfuhr vielleicht doch schneller sei. Kühl und empathielos gibt er an, dass er kein Mitleid empfinde mit seinem Opfer, nur mit der Mutter. Warum das Mädchen sterben musste, erklärt er lapidar mit dem Satz: "Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort."

Es ist eine Tat, die sprachlos macht. Doch Sprachlosigkeit kann offensichtlich nicht mehr herrschen in Zeiten, in denen es für alles ein Forum und ein Ventil gibt - zumal, wenn das Opfer und auch der Täter aus tschetschenischen Familien stammen. 30 000 Tschetschenen leben in Österreich, und wenn in den Medien von ihnen die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit Kriminalität oder Terrorangst, mit Jugendbanden oder selbsternannten Sittenwächtern.

Das, was man einen Shitstorm nennt, brach auch gleich nach der Tat auf rechten Internetseiten los, aber auch in den Foren der Zeitungen. Natürlich gab es Anteilnahme, aber es wurde reichlich über "Ehrenmorde" und "Blutrache" spekuliert, gemutmaßt, dass niemand richtig auf das Mädchen aufgepasst habe, und gefordert, dass dieses "Gesindel" schnellstmöglich abgeschoben werden müsse.

So kennt man das aus dem virtuellen Raum, der schonungslos ist und schambefreit. Doch Ähnliches hört man in diesen Tagen auch im wirklichen Leben, im Ditteshof sogar, in Sichtweise des Containers und der Kerzen. "Mich wundert es nicht, wenn hier ein Kind verschwindet", sagt eine Nachbarin, die bepackt vom Einkauf kommt. "Furchtbar" findet sie den Mord, aber es sei "auch vorher schon nicht mehr zum Aushalten gewesen, weil hier mehr Ausländer wohnen als Österreicher".

Still versammelt in einer Ecke des Innenhofs kann man auch Mitglieder der Familie des ermordeten Mädchens treffen. "Die österreichischen Nachbarn stehen schon an unserer Seite", sagt einer von ihnen. "Aber wir wollen jetzt so schnell wie möglich hier wegziehen."

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