Welttoilettentag Keiner redet übers Klo

Welttoilettentag - das hört sich erst mal lustig an. Ist es aber nicht. Nicht für 5000 Kinder in Afrika, die täglich an den Folgen mangelnder Hygiene sterben.

Von Ulrike Bretz

Es ist ein delikates Thema. Eines, über das man nicht redet - und wenn es dann doch mal sein muss, dann hinter vorgehaltener Hand oder mit mehr oder weniger gelungenen Metaphern. Man "geht mal schnell für kleine Jungs", "muss kurz austreten" oder "ein dringendes Geschäft erledigen". Über den Gang zur Toilette herrscht Stillschweigen, es ist eben das "stille Örtchen".

Um das zu ändern, hat die Welttoilettenorganisation, unterstützt von den Vereinten Nationen, am 19. November 2001 erstmals den Welttoilettentag ausgerufen. Nicht aus Spaß - sondern weil weltweit 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu einer sanitären Einrichtung haben und jeden Tag 5000 Kinder in Afrika an den Folgen mangelnder Hygiene sterben.

Um das Problem in der Ferne anzugehen, muss sich das Verhältnis zum Thema Toilette auch in Deutschland ändern, sagt Thilo Panzerbieter. Der Geschäftsführer der German Toilet Organization in Berlin will mit seinem gemeinnützigen Verein dafür sorgen, dass das Klo aus der Schmuddelecke herauskommt. Schließlich sei verwunderlich, dass die Nahrungsaufnahme in der Gesellschaft derart zelebriert wird, sich aber jeder dafür schämt, was am Ende dabei rauskommt.

Lieber im Brunnen als neben dem Klo

Der Bauingenieur glaubt, dass der verklemmte Umgang mit dem Thema ein Grund dafür ist, dass die Menschen sich nicht für die Hygiene anderer interessieren. "Wenn den Eltern in Deutschland egal ist, wie es in der Schultoilette ihrer Kinder aussieht", sagt Panzerbieter, "dann ist ihnen auch egal, wie Toiletten am anderen Ende der Welt aussehen."

Für medizinische Versorgung und Bildung zu spenden ist en vogue, das kommt gut an. "Politiker lassen sich aber lieber mit dem Spaten in der Hand in einem Brunnen fotografieren, als neben einem Klo", sagt Panzerbieter. Die wenigsten denken daran, wie wichtig Hygiene für die Gesundheit der Menschen ist.

Ohne Toiletten jedoch, betont Panzerbieter, können Gesellschaften kaum funktionieren. In Indien etwa leben 700 Millionen Menschen ohne sanitäre Anlagen. Sie verrichten ihre Notdurft hinter Büschen, Bahngleisen und alten Schuppen. Ohne danach ihre Hände waschen zu können.

Wenn Fliegen die Keime weitertragen und Nahrungsmittel damit in Kontakt kommen, werden die Menschen mit ansteckenden Krankheiten infiziert - sie leiden kontinuierlich an Durchfall, sie werden von Würmern und anderen Parasiten heimgesucht. "Die mangelnde Hygiene ist einer der Gründe, die Menschen in Armut hält", sagt Panzerbieter. "Wenn viele Menschen ständig krank sind, können sie nicht zur Schule und nicht zur Arbeit gehen. Das legt eine ganze Gesellschaft lahm."

Es geht aber nicht nur ums Geldverdienen und die Wirtschaft eines Landes - sondern auch um Menschenwürde und Privatsphäre in einer intimen Situation. Und um Nachhaltigkeit. 2,5 Milliarden Camping-Klos zu bauen und dorthin zu transportieren, wo sie gebraucht werden, ist für Panzerbieter und seine Organisation keine Lösung. Toiletten nach deutschem Vorbild nämlich sind nicht gerade das Nonplusultra: "Wir spülen unsere Fäkalien mit Wasser, einem Lebensmittel, weg. Das ist ganz sicher keine nachhaltige Lösung."

Latrine unterm Weihnachtsbaum

Es komme vielmehr darauf an, auf die lokalen Gegebenheiten einzugehen und dafür adäquate Lösungen zu finden. Die vor Ort vorkommenden Materialien zu nutzen sei sinnvoller, als Plastikklos zu importieren.

Und dann gibt es noch die kulturellen Unterschiede: Im einen Land werden Stehklos bevorzugt, im anderen Sitzklos. Die einen Völker wischen, die anderen waschen. "Man muss lokale Konzepte ausarbeiten und Menschen vor Ort mit einbeziehen", sagt Panzerbieter.

Ein solches Konzept ist die Latrine, die die Hilfsorganisation Oxfam anbietet. Sie liefert Toiletten, die sich leicht aufbauen lassen, in die Flüchtlingslager in den Krisengebieten.

Weil aber niemand so richtig in Toiletten investieren will, hat die Nichtregierungsorganisationen das Projekt "Unverpackt" ins Leben gerufen. Auf ihrer Internetseite bietet sie Spenden zum Verschenken an, etwa zu Weihnachten - von Ziegen über Klassenzimmer bis zur Latrine.

Das Klo aus Holzbalken und einer Plastikplane für 36 Euro landet nicht beim Beschenkten. Der bekommt nur eine Karte. Die Latrine wird dafür direkt im Krisengebiet aufgebaut. Wer von lieben Menschen ein Klo zu Weihnachten geschenkt bekommt, fängt vielleicht auch damit an, sich mit anderen darüber zu unterhalten - und das Thema raus aus der Ecke zu bringen.