Welthunger-Index Klimawandel und Kriege bringen mehr Hunger in die Welt

Eine Frau stillt in einem Hilfslager der Ärzte ohne Grenzen in Südsudan ihr schwer unterernährtes Kind

(Foto: AFP)

Der Welthunger-Index sieht zwar langfristige Erfolge, doch der Kampf gegen den Hunger ist in Gefahr. Auch die Macht der Agrar-Konzerne ist beängstigend.

Zunächst verkündet der Welthunger-Index eine gute Nachricht: Es gebe "langfristige Fortschritte in der Reduzierung des Hungers in der Welt". Seit 1992 gingen die Werte dem Index zufolge zurück. Viele Länder haben die Zahl der unterernährten Menschen stark verringern, manche sogar mehr als halbieren können. Den Welthunger-Index ermitteln Experten vom International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington; das Institut gibt ihn jedes Jahr gemeinsam mit der Welthungerhilfe und der Hilfsorganisation Concern Worldwide heraus.

Welthunger-Index

Der Welthunger-Index beruht auf vier Indikatoren:

1. Unterernährung: der prozentuale Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung; Indikator für den Anteil der Menschen, die ihren Kalorienbedarf nicht decken können;

2. Auszehrung bei Kindern: der Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die an Auszehrung leiden; damit ist ein zu niedriges Gewicht in Bezug auf die jeweilige Größe gemeint, ein Beleg für akute Unterernährung;

3. Wachstumsverzögerung bei Kindern: der Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die wachstumsverzögert sind; damit ist eine zu geringe Körpergröße in Bezug auf das jeweilige Alter gemeint, ein Beleg für chronische Unterernährung);

4. Kindersterblichkeit: die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren; ein Indikator, der zum Teil das fatale Zusammenwirken von mangelnder Nährstoffversorgung und einem ungesunden Umfeld widerspiegelt.

Dennoch ist das Problem längst nicht gelöst. Die Besserungen seien sehr ungleich verteilt, weiterhin gebe es Regionen, in denen akute Nahrungskrisen oder gar Hungersnöte herrschten. "Nach wie vor leiden Millionen unter chronischem Hunger", heißt es in dem Bericht. Und was dort gar nicht auftaucht: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Hungernden in der Welt zum ersten Mal seit vielen Jahr wieder an, nach Angaben der Welthungerhilfe um 38 Millionen auf 815 Millionen Menschen. Dabei haben sich die Vereinten Nationen vorgenommen, bis 2030 den Hunger auf der Welt zu beenden.

Einen direkten Zusammenhang gibt es zudem zwischen Hunger und Krieg. Beispiel Zentralafrikanische Republik. Das Land belegt im Welthunger-Index den letzten Platz und wird von den Herausgebern als einziges in der Kategorie "gravierend" geführt (mehr als 50 Punkte). Seit 2012 leidet der afrikanische Staat unter einem Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und der muslimischen Minderheit. Etwa 500 000 Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, das ist ein Zehntel der Bevölkerung. "Existenzgrundlagen mussten aufgegeben werden, Märkte wurden zerstört und die Ernährungssicherheit beeinträchtigt", schreiben die Autoren. Folglich seien 58,6 Prozent der Menschen unterernährt, die Rate der Kindersterblichkeit liege bei 13 Prozent.

"Nur durch verstärkte Anstrengungen kann die Verpflichtung eingelöst werden", sagte die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, in Berlin. Sie benannte die größten Hindernisse: "Konflikte und Klimawandel treffen die Ärmsten der Armen am stärksten - all unsere bisherigen Erfolge werden dadurch gefährdet." Dieckmann forderte einen verstärkten Kampf gegen den Klimawandel. Einige Länder litten zuletzt unter wetterbedingten Katastrophen, entweder Überschwemmungen oder Dürren wie in den ostafrikanischen Staaten Südsudan, Kenia, Äthiopien oder Eritrea.

Nach der Zentralafrikanischen Republik trifft es mit dem Tschad, Sierra Leone, Madagaskar und Sambia vier weitere Länder in Afrika am härtesten. Dann kommt der vom Krieg gezeichnete Jemen auf der Arabischen Halbinsel, bevor es mit dem Sudan und Liberia wieder zurück auf den Schwarzen Kontinent geht.

Der Welthunger-Index, der auf Basis von Datenmaterial der Vereinten Nationen erstellt wird, soll Auskunft geben über den Anteil an Unterernährten, an Auszehrung und Wachstumsverzögerungen bei Kindern unter fünf Jahren sowie über deren Sterblichkeitsrate.

Der aktuelle Index erfasst 119 Staaten; einige einkommensstarke Länder wie Deutschland bleiben außen vor. Außerdem fehlen Länder, in denen es nicht möglich ist, ausreichend Daten zu beschaffen. Die Autoren gehen davon aus, dass einige dieser Staaten schwere Hungerprobleme haben. Etwa Burundi, die Komoren oder der Kongo. Über den Südsudan heißt es, dass "die Ernährungssituation von rund sechs Millionen Einwohnern als kritisch bis katastrophal einzustufen" sei. Grund sei vor allem der seit 2013 geführte Bürgerkrieg.

Der Welthunger-Index beleuchtet diesmal zudem die Machtstrukturen auf dem weltweiten Lebensmittelmarkt. Naomi Hossein, wissenschaftliche Mitarbeiterin am britischen Institute of Development Studies, kritisiert die Konzentration von Agrarunternehmen. Die drei transnationalen Konzerne Monsanto, DuPont und Syngenta beherrschten den weltweiten Handelsverkehr von Saatgut. Die Firmen ADM, Bunge und Cargill bestimmten einen Großteil des internationalen Getreidehandels. "Diese Konzerne verfügen im Welternährungssystem mittlerweile über so viel Macht, dass sie weitgehend darüber bestimmen, welche Lebensmittel wie von den Produzierenden zu den KonsumentInnen gelangen", schreibt Hossein.

Sie weist zudem auf das Problem der sozialen Ungleichheit hin. So leiden oft indigene Völker stärker unter Hunger, die Landbevölkerung sei gefährdeter als die in Stadtnähe. Auch seien Frauen stärker betroffen als Männer.

Am Ende kommt der Welthunger-Index zu einem paradoxen Ergebnis: In derselben Welt, in der mehr als 800 Millionen Menschen hungern und zwei Milliarden Menschen an unterschiedlichen Formen der Fehlernährung leiden, "ist ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung fettleibig". Und ein Drittel aller Nahrungsmittel werde "verschwendet oder vergeudet".