Weibliche Genitalverstümmelung Ägypterinnen wehren sich erfolgreich gegen Beschneidung

Auch heute noch werden jedem zweiten Mädchen in Ägypten äußere Genitalteile entfernt. Das ist zwar viel - aber weitaus weniger als noch vor ein paar Jahren. Zu Besuch bei einem Aufklärungsseminar für Frauen.

Von Karin El-Minawi, Bani Suwaif

An ihren neunten Geburtstag erinnert sich Amina Ali noch sehr gut. "Es war der schrecklichste Tag meines Lebens", sagt die heute 25-jährige Ägypterin. An diesem Tag wurden ihr mit einer Rasierklinge die Klitoris und die inneren Schamlippen entfernt - ohne Betäubung.

Zwei Frauen hielten sie auf der auf dem Wohnzimmerboden ausgebreiteten Decke fest, rissen ihr die Beine auseinander. Die Mutter verließ den Raum. Eine Frau fing an zu schneiden. "Es dauerte nur einige Minuten, doch es kam mir vor wie eine Ewigkeit", erzählt Ali. Ihr Unterleib blutete stark, ihr neues Kleid war über und über mit Blut beschmiert. Die Schmerzen ließen nicht nach - auch Tage später nicht. "Es tat so weh. Ich konnte mich lange nicht bewegen", sagt Ali.

Immer weniger Frauen lassen sich beschneiden

Das war vor 16 Jahren. Heute steht Amina Ali, Kindergärtnerin und Mutter zweier Töchter, mit einer Kamera im Seminarraum eines Wohltätigkeitszentrums in Bani Suwaif, einer Stadt 115 Kilometer südlich von Kairo. Das Zentrum liegt in einer kleinen Nebenstraße und ist umgeben von schäbigen mehrstöckigen Häusern aus Beton. Davor bahnen sich mit Müll beladene Eselskarren einen Weg durch die engen Straßen. Es riecht nach Abfall.

Drinnen begrüßt Amina Ali die vielen Frauen, die freiwillig zu dem Seminar erschienen sind, um sich über weibliche Genitalverstümmelung zu informieren. Sie stammen aus armen, einfachen Verhältnissen. Die meisten können weder lesen noch schreiben. "Alle hier Anwesenden sind selbst beschnitten, haben meist auch ihre Töchter beschneiden lassen", sagt Ali. "Aber das ändert sich", sagt sie.

Sie zeigt auf eine ältere Frau: "Ihre älteste Tochter ist beschnitten, die jüngere nicht, ihre Enkelkinder auch nicht." Manche hier haben längst verstanden, dass die Beschneidung von Mädchen weder gesundheitlich noch religiös gerechtfertigt ist. Andere sind gerade dabei.

An diesem Samstag ist Weltmädchentag. Der "International Day of the Girl Child" wurde 2012 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Der Tag, so die Idee, soll deutlich machen, dass Mädchen weltweit benachteiligt werden und häufig ihrer fundamentalen Rechte beraubt werden. Zum Beispiel in Ägypten. Dort werden Mädchen noch immer im Alter von fünf bis 14 Jahren beschnitten.

Mit dem Eingriff, den viele für religiös vorgeschrieben halten, solle ihr Verlangen nach Sex eingedämmt und ihre Jungfräulichkeit bewahrt werden. So wird zumindest argumentiert. In Ägypten ist Sex vor der Ehe verboten. Andere argumentieren: Die Klitoris und die Schamlippen seien schmutzig, die Prozedur solle Mädchen reiner machen. Und viele fürchten, sozial geächtet zu werden, sollten sie mit dieser Tradition brechen.

Wenn die Mädchen überleben, bleiben sie traumatisiert

Beim Eingriff werden die Klitoris-Vorhaut, oft auch die ganze Klitoris und die Schamlippen herausgeschnitten. Operiert wird von Hebammen, Krankenpflegern, Friseuren oder anderen medizinischen Laien. Das Operationswerkzeug: Rasierklingen, Messer oder Küchenscheren, die unzählige Male benutzt und nicht immer desinfiziert werden. Die Folgen: HIV und Hepatitis C werden übertragen.

Der Schnitt wird meist ohne Betäubung vorgenommen, die Wunde danach nicht genäht, sondern nur mit trockenem Kaffeepulver bestreut, um die Blutung zu stoppen. Oft kommt es zu Blutvergiftungen. Die Mädchen bleiben traumatisiert, sie leiden unter Entzündungen im Genitalbereich, Inkontinenz und Fisteln - und das noch Jahre später.

Häufig kommt es auch zu Todesfällen - Mädchen verbluten. So wie die Ägypterin Dina Tarek. Sie starb im vergangenen August. Mit zehn. Sie habe laut geschrien, erzählte ihre Mutter der Zeitung Youm al Sabaa: "Bitte tut es nicht. Ich möchte nicht sterben. Warum liebt ihr mich nicht?" Doch ihr Ehemann und ihre Schwiegermutter bestanden auf dem Eingriff, rissen ihr die Tochter aus den Armen.

Dina Tarek starb am Operationstisch. Inzwischen hat die Mutter die Scheidung eingereicht, der Vater sitzt im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.

Jüngere Frauen widersetzen sich dem Druck älterer Generationen

Im Land am Nil ist der barbarische Eingriff noch immer weit verbreitet, wird in allen gesellschaftlichen Schichten praktiziert, bei Musliminnen und Christinnen. Nach Angaben der Unicef sind 91 Prozent der ägyptischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten.

Neu ist: "Es werden immer weniger." Das sagt Vivian Fouad, Sprecherin des Nationalen Bevölkerungsrates. Sie leitet die Kampagnen gegen Frauenbeschneidung. Inzwischen seien nur noch etwa 50 Prozent der Ägypterinnen zwischen zehn und 18 Jahren beschnitten. Ein Anfang. Auch die Weltgesundheitsorganisation belegt ihre Zahlen. "Das zeigt, dass gerade die jüngeren Frauen sich dem Druck der älteren Generationen widersetzen", sagt Vivian Fouad.

Begonnen hat der Wandel 2006. Scheich Ali Gomaa, Ägyptens Grossmufti und Professor für Rechtswissenschaft, erklärte damals, dass weibliche Genitalverstümmlung keinesfalls mit den Werten des Islam vereinbar sei und dass die Religion keine Basis für eine Rechtfertigung biete. Als ein Jahr später wieder ein 13-jähriges Mädchen starb, wurde das Tabuthema auch von den Medien aufgegriffen.

2008 kriminalisierte die Regierung den Eingriff und erließ ein Gesetz. Nachdem im Juni 2013 ein 13-jähriges Mädchen während der Beschneidung starb, erhob die Staatsanwaltschaft erstmals gegen den Vater und den Arzt Anklage. Nun müssen sich die beiden wegen Verstoßes gegen das Verbot von Genitalverstümmelung vor Gericht verantworten. "Das ist der erste Prozess dieser Art in Ägypten", sagt Fouad.

Der Ursprung des barbarischen Rituals liegt zurück in vorislamischer Zeit. Befürworter stützen sich auf einige umstrittene Passagen in den Hadithen des Propheten Mohammed, den Spruchsammlungen. Doch auch die sind nicht eindeutig. Er selbst hat seine vier Töchter nicht beschneiden lassen. Und nicht mal in Saudi-Arabien, dem Ursprungsland des Islam, wird weibliche Beschneidung praktiziert.

Die Salafisten boten die Operation kostenlos in mobilen Arztpraxen an

Genau das erklärt Scheich Sayed Zayad den Frauen in seinem Seminar in Bani Suwaif. Er ist der Leiter des Wohltätigkeitszentrums und Rechtsgelehrter der Al-Azhar-Universität. Der 53-jährige liberale Mann ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Enkelinnen. Keine ist beschnitten.

Der Scheich war einer der ersten, die sich gegen die weibliche Beschneidung aussprachen, es auch öffentlich religiös belegten. Die Folgen: Todesdrohungen. Sayed Zayad machte weiter, schrieb unzählige Bücher. "Die Quote der Eingriffe sank", sagt er.

Dann kamen 2012 die Muslimbrüder an die Macht. Sie und die Salafisten verlangten die Legalisierung des Eingriffes, warben dafür auf den Straßen und boten ihn in mobilen Arztpraxen an - kostenlos. "Das warf uns einige Jahre zurück. Die Leute waren verwirrt", sagt Scheich Sayed.

Heute sind sie wieder auf dem richtigem Weg. "Die Frauen sind selbstbewusster, nehmen Entscheidungen wie diese in die eigene Hand, lassen sich von der Gesellschaft nicht mehr alles aufzwingen."

Das Seminar ist inzwischen beendet. Die Frauen verabschieden sich. Amina Ali ist zufrieden. "Heute haben wir bestimmt mindestens einem Mädchen das Leben gerettet", sagt sie.