Waffen für Blinde in den USA Schießen nach Gehör

"Ich höre ja, wo jemand steht": Im US-Bundesstaat Iowa dürfen Sehbehinderte und Blinde in der Öffentlichkeit Schusswaffen mit sich führen. Alles andere wäre Diskriminierung, argumentieren die Befürworter der Regelung. Andere sehen die öffentliche Sicherheit bedroht.

Von Felicitas Kock

Ein 107 Jahre alter Mann, ein dreijähriges Kind, eine junge Frau, die ihren Freund überraschen will und sich deshalb in seinem Kleiderschrank versteckt - sie alle sind an diesem Wochenende in den USA durch Schusswaffen getötet worden. Und das sind nur die spektakulären Fälle, die es in die Medien geschafft haben. Etwa 30.000 Menschen werden in den Vereinigten Staaten jedes Jahr erschossen. Angesichts dieser Zahlen erscheint die Frage, über die zurzeit in Iowa gestritten wird, wie eine Farce: In dem Bundesstaat wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, dass auch Blinde in der Öffentlichkeit Schusswaffen tragen dürfen.

"Wenn man mit einer Pistole schießt, dann nimmt man sie heraus, zielt und drückt ab, und ich denke nicht, dass man dafür unbedingt Sehkraft benötigt", zitiert das lokale Nachrichtenportal DesMoinesRegister.com den blinden Michael Barber. Ein Video zeigt den älteren Herrn beim Waffenkauf. Den Blindenstock unterm rechten Arm eingeklemmt, befühlt er verschiedene Pistolen. Sehen kann er so gut wie nichts. "Aber ich höre, wenn irgendwo ein Mensch ist", sagt der Amerikaner, der sich als Person beschreibt, die Gesetze gerne ausreizt.

Die Gesetze, das sind in diesem Fall das im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung verankerte Recht, eine Waffe zu tragen - und das Gesetz zur Gleichstellung von Amerikanern mit Behinderungen aus dem Jahr 1990, das Diskriminierung im Alltag einschränken soll. Hinzu kommt eine Regelung, die in Iowa 2011 in Kraft getreten ist. Sie weitete das bereits bestehende Recht auf privaten Waffenbesitz aus und erlaubt nun auch das Mitführen einer Pistole in der Öffentlichkeit.

Waffenschein ohne Schießtraining

Die Polizei darf einen Waffenschein demnach nicht verwehren, nur weil jemand nichts sehen kann. Eine Regelung, die jetzt, da vereinzelt über Waffenkäufe Sehbehinderter und Blinder berichtet wurde, eine heftige Debatte ausgelöst hat. Denn was manche als Erfolg im Kampf gegen die Diskriminierung feiern, wird von anderen als Gefahr für die öffentliche Sicherheit gewertet. "Wenn jemand vor sich nichts anderes sieht als verschwommenes Durcheinander, dann sollte er meiner Meinung nach nicht auf irgendetwas schießen", sagt etwa der Sheriff von Delaware County.

Das gelte umso mehr, als das Sicherheitstraining, das man in Iowa für einen Waffenschein nachweisen muss, aus einem einfachen Online-Kurs besteht. Ein tatsächliches Schießtraining ist nicht vorgesehen.