Vorwürfe gegen Dieter Wedel Alle, alle, alle sollen es gewusst haben

  • Weitere Schauspielerinnen werfen dem Regisseur Dieter Wedel vor, er habe sie in den 1980er Jahren missbraucht, vergewaltigt und gemobbt.
  • Dem Saarländischen Rundfunk waren die Vorfälle offenbar bekannt, die Verantwortlichen taten sie damals aber als "persönliche Angelegenheit" ab.
  • Der Sender kündigte an, den Fall aufarbeiten zu wollen.
Von Friederike Zoe Grasshoff, Violetta Simon und Claudia Tieschky

Es ist gerade mal ein paar Tage her, da ist Dieter Wedel als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurückgetreten. Seine Sprecherin ließ mitteilen, der Regisseur, dem seit Anfang des Jahres mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen, liege nach einer Herzattacke im Krankenhaus. Auch auf der Internetseite der Festspiele hinterließ Wedel eine Stellungnahme; er sei "zutiefst verstört und erschüttert" über den "Umfang und die Art und Weise dieser Beschuldigungen" - und über "die Tatsache, dass es nicht aufhört".

Wenn man sich die neuesten Anschuldigungen anschaut, die am Mittwoch publik wurden, muss man eher sagen: Es hat gerade erst angefangen. In der Zeit erheben vier weitere Frauen schwere Vorwürfe gegen den 75-Jährigen, diese beginnen bei Schikane und enden bei angeblicher sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Die Zeit zitiert aus einem Brief, in dem es um Dreharbeiten für die Produktion eines öffentlich-rechtlichen Senders geht, dass Handgreiflichkeiten "infolge versuchter sexueller Kontakte" seinerzeit beim Saarländischen Rundfunk (SR) und der Produktionstochter TFS aktenkundig wurden. Das wirft ein hässliches Licht auf die ARD. Denn man tat es demnach als "persönliche Angelegenheit" ab. SR-Sprecher Peter Meyer sagte der SZ: "Schon jetzt steht fest, dass die TFS und der SR sich 1981 nicht richtig verhalten haben." Der Sender habe Kontakt zu den mutmaßlichen Opfern aufgenommen. "Die ARD nimmt die Diskussion um Missbrauchsvorwürfe sehr ernst", sagte ihr Vorsitzender Ulrich Wilhelm. "Sexuelle Belästigung und Ausnutzung von Machtpositionen können wir nicht dulden." Die Intendanten der ARD wollen sich Anfang Februar mit dem Thema befassen.

Requisiteure, Kostümbildner, Regie-Assistenten: Alle sollen es gewusst haben

Minutiös wird in der Zeit geschildert, wie die heute 61-jährige Schauspielerin Esther Gemsch während der Dreharbeiten zu der Vorabendserie "Bretter, die die Welt bedeuten", von Wedel regelrecht terrorisiert worden sein soll: nächtliche Anrufe, aufgezwungene Küsse, verbale Demütigungen vor den Kollegen. Gemsch, damals 24, berichtet, wie Wedel sie 1980 geschlagen und versucht haben soll, sie zu vergewaltigen - und alle, alle, alle (Kostümbildner, Requsiteure, Aufnahmeleiter, Kollegen) sollen es gewusst haben. Und sagen es erst jetzt.

Die Kultur des Schweigens brechen

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Bei all der akribischen Recherche, bei all den zitierten Zeugen - es bleiben Anschuldigungen. Anschuldigungen allerdings, die mittlerweile von mehr als einem Dutzend Frauen wiederholt werden. Drei weitere Frauen erzählen in dem Text "Der Schattenmann" (so heißt auch einer seiner bekanntesten Filme), wie der Regisseur sie in der Hotellobby bedrängt, am Set gemobbt oder im Wald vergewaltigt haben soll. Teilweise reichen diese Vorwürfe bis in die Siebzigerjahre zurück und sind strafrechtlich verjährt, eine Aufarbeitung des Systems, in dem das alles passieren konnte, ist aber dennoch dringend geboten. Auf die Bitte um Stellungnahme zu den neuen Vorwürfen teilte Wedels Anwalt der Zeit mit, der Regisseur sei aus gesundheitlichen Gründen dazu nicht in der Lage.

In dem Archiv der Produktionsfirma Telefilm Saar, das beim SR lagert, liegt den aktuellen Berichten zufolge etwa ein ärztliches Gutachten, demzufolge die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch wegen ihrer Verletzungen an der Halswirbelsäule arbeitsunfähig gewesen sei. Der behandelnde Orthopäde, der auch das Schreiben verfasste, war Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der langjährige Mannschaftsarzt des FC Bayern München. Müller-Wohlfahrt ist von der Patientin von der Schweigepflicht entbunden worden, kann sich aber jetzt, fast 40 Jahre später, nicht mehr an Frau Gemsch erinnern.

Der Sender erfährt damals von den Vorwürfen, dass sexuelle Übergriffe des Regisseurs Ursache für die gesundheitlichen Probleme der Schauspielerin sein sollen. Wedel soll die Vorwürfe über einen Anwalt abgestritten haben. Nicht nur das. Aus den Briefen soll auch hervorgehen, dass er behauptet haben soll, dass Gemsch seine Nähe gesucht habe - was er abgelehnt habe. Gemsch erstattet keine Anzeige, sie habe das damals nicht gekonnt, sagt sie. Sie kehrt zurück zum Set, bricht den Dreh wenig später ab. Kurze Drehpause, dann geht es weiter. The show must go on - eine dumme Floskel, die auf diese Hochleistungsbranche leider in vielen Hinsichten zutrifft. Die Rolle wird mit Ute Christensen neu besetzt, die Wedel seit Mittwoch ebenfalls der sexuellen Belästigung beschuldigt. Wie sie es heute schildert, habe sie ihn und seine Avancen zurückgewiesen, woraufhin der Regisseur sie vor dem gesamtem Kollegium niedergemacht haben soll. Christensen ist damals schwanger, sie bekommt einen Nervenzusammenbruch und verliert ihr Kind, was die Dokumente im Archiv ebenfalls belegen sollen.

Der SR will nun selbst Aufklärung

Der Einschätzung des SR von damals widerspricht SR-Sprecher Peter Meyer heute: "Das war, auch wenn es seinerzeit so behandelt worden ist, nie eine Privatsache." Nach der Umbesetzung der Hauptrolle hätte "auch mindestens sichergestellt werden müssen, dass die nachbesetzte Schauspielerin in jedem Fall nicht in vergleichbare Situationen gerät wie ihre Vorgängerin". Der SR sucht nun selbst Aufklärung. Die TFS gibt es nicht mehr, sie wurde 2007 nach einem Skandal liquidiert, in dessen Folge ein früherer Geschäftsführer wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Eine Rechercheeinheit des SR und eine Task-Force unter Leitung des Senderjustiziars sichtet momentan die Akten. Das Ziel sei, teilt Meyer mit, "die Systeme, Mechanismen und Verhaltensweisen auszuleuchten", um für die Zukunft "Kontrollmechanismen sowie eine Atmosphäre der Transparenz und des Miteinanders zu schaffen".

Seit #MeToo mehr als nur ein Hashtag ist und der Begriff Weinstein eine Art Schimpfwort, da wollen viele diese Transparenz - und doch ist immer wieder vom sogenannten "System des Schweigens" die Rede. Von Opfern und Mitwissern, die wegen abstruser Machtgefälle wegsehen, um sich und ihre karrieristische Existenz zu sichern. In der jüngsten Wendung im Fall Wedel ist das anders: Das mutmaßliche Opfer Gemsch hat nicht geschwiegen. Die Schauspielerin hat Kollegen eingeweiht, hat ihre Verletzungen dokumentieren lassen, hat Hilfe gesucht, wenn auch nicht bei der Polizei. Geschwiegen wurde trotzdem.

Versucht man im aktuellen Fall, jemanden für ein Interview zu den Machtstrukturen abseits von Hollywood zu gewinnen, ist das nicht leicht. 30 Interviewanfragen, dreieinhalb Rückmeldungen. Der Agent eines berühmten deutschen Schauspielers, er will anonym bleiben, sagt: "Wenn Ute Christensen damals an die Presse gegangen wäre - ich glaube nicht, dass sie Gehör gefunden hätte." Dieter Wedel sei ja immerhin ein "Fernsehgott" gewesen.

Unschuldsvermutung heißt nicht, dass die Opfer schweigen müssen

Die Taten, die Dieter Wedel vorgeworfen werden, sind möglicherweise verjährt. Das ist kein Grund, Ungeheuerlichkeiten auf sich beruhen zu lassen. Kommentar von Heribert Prantl mehr...