Vietnam "Wollt ihr Stahl oder Fisch?"

Nördlich von Danang sterben massenhaft Fische. In Verdacht steht der taiwanesische Chemiekonzern Formosa, gegen den die Bevölkerung seither protestiert.

(Foto: Kham/Reuters)

Seit Wochen sterben in Vietnam massenhaft Fische. Eine Fabrik soll das Meer verseucht haben, aber geklärt hat die Regierung noch nichts.

Von Arne Perras, Danang

Wenn es dunkel wird, füllen sich die Nudelküchen. Mi Quang heißt die Spezialität der Stadt Danang, Bandnudeln in würziger Brühe, garniert mit geraspelten Erdnüssen und frischem Grünzeug. Man kann das Gericht mit Fisch oder mit Fleisch bestellen, doch in diesen Tagen hat sich die Wahl für die Vietnamesen erübrigt. "Den Leuten ist die Lust auf Fisch gründlich vergangen", klagt eine Kellnerin im Lokal Xu Quang. "Alle bestellen jetzt Huhn oder Rindfleisch. Was für ein Jammer. Ein Leben ohne Fisch? Das können wir uns nicht vorstellen."

In diesem Land mit mehr als 3000 Kilometern Küste ist Fisch aus der Küche nicht wegzudenken, seit Jahrtausenden ziehen die Vietnamesen so gut wie alles aus dem Ozean, was sie kochen, dünsten, braten oder grillen können. Doch nun ist alles anders, nun rühren viele ihren geliebten Fisch nicht mehr an. Und mit wachsender Wut und Ohnmacht verfolgen sie, was ihnen die staatlich kontrollierte Presse tröpfchenweise an Meldungen über die jüngste Umweltkatastrophe serviert. An den Ufern nördlich der Stadt Danang sterben die Fische in Massen. Seit der zweiten Aprilwoche schaufeln die Leute tonnenweise Kadaver zusammen und vergraben sie in Löchern. Eine solche Katastrophe im Meer habe das Land noch nie erlebt, bestätigen Vertreter der Behörden.

Was die Tiere vergiftet, ist auch mehr als einen Monat nach den ersten Funden nicht geklärt. Selbst Arten, die in größerer Tiefe leben, sind gestorben, auf einer Länge von mindestens 200 Kilometern sind Millionen Fischleichen angeschwemmt worden. Vier Provinzen in Zentralvietnam hat es getroffen, und das Geschäft mit Meeresfisch droht völlig einzubrechen.

Unter Verdacht geriet von Anfang an der taiwanesische Chemiekonzern Formosa Plastics, der an der Küste ein großes Stahlwerk in Betrieb genommen hat, das hochtoxische Abwässer ins Meer geleitet haben soll. "Dieser Gedanke drängt sich auf", sagt ein ausländischer Spezialist für Industrieanlagen, der die Verhältnisse bestens kennt. "Es gibt in der Gegend nicht so viele mögliche Verursacher." Formosa hat sich großen Zorn zugezogen, als ein Manager erklärte, die Vietnamesen müssten sich schon entscheiden, ob sie Fische fangen wollten - oder eben Stahl produzieren. Inzwischen hat das Unternehmen den Mann gefeuert und sich für den Satz entschuldigt. Doch den Ruf der Firma wird das kaum reparieren. Die Worte wirkten wie Hohn. Zugleich weist Formosa jede Verantwortung zurück. Auch die Regierung in Hanoi hat Ende April erklärt, es gebe bislang keine Belege für Formosas Schuld.

In sozialen Medien reagierten Nutzer verärgert, sie schufen den Hashtag #ichoosefish. "Ich wähle Fisch". Woche für Woche gibt es nun Demonstrationen, die von der Polizei aufgelöst werden. "Formosa, hör auf, das Meer zu vergiften", steht auf den Plakaten. Oder "Fische brauchen sauberes Wasser. Menschen brauchen Transparenz". Doch abweichende Meinungen lässt das kommunistische Vietnam nur in engen Grenzen zu, auch wenn es sich ökonomisch öffnet. Dennoch ist der Ärger selbst in regierungstreuen Kreisen so groß, dass der Druck auf Hanoi wächst, die Schuldigen bald zu bestrafen.

Bis die Quelle des Verderbens ermittelt ist, ist die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten dazu aufgerufen, keinen Fisch mehr zu essen. Manche fürchten aber, dass vielleicht gar nicht alle toten Fische vernichtet werden, sondern ein Teil in Tiefkühllagern verschwindet, um zum Beispiel zu Fischsoße verarbeitet zu werden, die zu fast allen Speisen gereicht wird. Wegen der Korruption im Land haben die Vietnamesen wenig Vertrauen in Lebensmittelkontrolleure. "Es ist zum Verzweifeln", sagt ein junger Mann, der im Lokal Xu Quang sitzt und eher lustlos in seinen Nudeln rührt. "Wenn uns keiner sagt, was los ist, wissen wir bald gar nicht mehr, was wir noch essen können."