Verurteilter Student Josef S. "Mein Glaube an den Rechtsstaat ist lädiert"

War die Festnahme ein Schock?

Bei meiner Festnahme war ich ruhig, weil ich der Meinung war, ich hätte nichts Schlimmes gemacht. Ich dachte, die wollen meine Personalien abgleichen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass daraus sechs Monate Untersuchungshaft werden.

Als Jenaer haben Sie in Wien gegen die Burschenschaften und die FPÖ demonstriert. Kennen Sie sich da überhaupt im Detail aus?

Ich habe politische Freunde in Österreich, die mir von ausländerfeindlichen FPÖ-Kampagnen berichten. Und ich weiß, dass sich Burschenschaften, rechtsradikales Milieu und FPÖ überschneiden.

Teilen Sie die gängige Einschätzung, dass man sich in Österreich weniger gegen Rechts abgrenzt als in Deutschland?

In Deutschland sieht man an der AfD, dass auch hier eine rechtspopulistische Partei erfolgreich sein kann. Und rassistische Vorurteile werden in Österreich vielleicht durch die geografische Lage verstärkt; es gibt dort ja viele Migranten aus Südosteuropa und eine große Landbevölkerung, die vielleicht offener ist für Rassismus.

Sie sind vorbestraft. Werden Sie jetzt vorsichtiger?

Dass ich als Vorbestrafter gelte, merke ich ja jetzt noch nicht, das schlägt sich dann später im Führungszeugnis nieder, bei Bewerbungen. Im ersten Vorstellungsgespräch muss ich mir Gedanken machen.

In der Antifa-Szene gelten Sie als Held. Die österreichische Richtervereinigung hingegen hat sich dagegen gewehrt, dass Sie zum Justizopfer stilisiert werden: "Politische Motivation" finde bei richterlichen Entscheidungen ebenso wenig Raum wie die "Erfüllung öffentlich zum Ausdruck gebrachter Rache- oder Freispruchgelüste".

Ich bin kein Held, ich habe ja keine Leistung vollbracht. Aber mein Glaube an den Rechtsstaat ist tatsächlich lädiert. Obwohl: So etwas wie in Wien hätte mir in Deutschland auch passieren können. Es gibt ja ähnliche Fälle; in Dresden wurde ein Mann zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er angeblich in ein Megafon gerufen haben soll: Kommt nach vorn!