Versuchter Amoklauf in St. Augustin "Ihr werdet alle sterben"

Eine Gymnasiastin plante im Mai eine Massaker an ihrer Schule. Der Prozess gegen sie hat nun begonnen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Von D. Graalmann

Erfurt, Emsdetten, Winnenden. Drei Orte, drei Namen, ein Symbol. Diese drei schrecklichen Amoktaten haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch wer erinnert sich an Sankt Augustin? Nur einer mutigen Schülerin ist es zu verdanken, dass die 50.000-Einwohner-Stadt bei Bonn nun nicht in dieser Reihe steht. Die 17-Jährige verhinderte am 11. Mai 2009 im Albert-Einstein-Gymnasium einen Amoklauf ihrer Mitschülerin Tanja O.

Am Dienstag begann vor dem Landgericht Bonn im Saal 1.19 unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen die 16-Jährige, die Staatsanwaltschaft hat die Schülerin wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Vorbereitung einer Sprengstoffexplosion und Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagt. Der 16-Jährigen drohen zehn Jahre Jugendhaft oder die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.

Seit ihrer Festnahme befindet sich Tanja O. in einer geschlossenen Anstalt, die Ermittler befürchten einen Suizid. Die Angeklagte legte gleich zum Auftakt des Prozesses vor dem Bonner Landgericht ein umfassendes Geständnis ab. Nach jedem Amoklauf wird die immergleiche Frage gestellt: warum? Nun muss die Jugendkammer des Bonner Landgerichts eine Antwort darauf finden, wie es zu dem Plan kommen konnte. Die 16-Jährige nannte als Motiv für die Tat Probleme in Schule und Elternhaus. Sie habe "Hass" empfunden, gab Tanja O. zu Protokoll. Hinweise auf einen Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen, wie es bei anderen Amoktätern der Fall war, habe der erste Verhandlungstag vor dem Bonner Landgericht nicht ergeben, sagte ein Gerichtssprecher.

Am Morgen des 11. Mai war sie in ihre Schule gekommen; nicht, um in ihrer Klasse 10 b den Unterricht zu besuchen, sondern um zu töten. Mindestens 50 Menschen sollten sterben, sagte Tanja O. den Ermittlern. Die 16-Jährige ging mit ihrem Rucksack auf die Damentoilette, im Gepäck elf selbstgebastelte Molotowcocktails und ein kurzes Schwert, das sie sich zuvor im Internet bestellt hatte. Zudem trug sie eine Schreckschusswaffe mit sich. Es war also keine spontane Idee, sondern ein detailliert ausgearbeiteter Plan. Dieser Plan sah vor, zunächst einen Lehrer mit dem Schwert niederzustechen, ihm die Schlüssel zu entwenden, anschließend die Klassenzimmer mit den Molotowcocktails in Brand zu setzen und die Räume dann von außen zu verschließen.

Doch als sich Tanja O. auf der Toilette maskieren wollte, wurde sie von der Mitschülerin Anna P., 17, überrascht. Sie gilt als wichtigste Zeugin und war auch am ersten Prozesstag im Gericht als Nebenklägerin anwesend. In Panik versuchte die Angeklagte, mit dem Schwert ihre Mitschülerin zu töten. Sie trennte ihr einen Daumen ab. Als ein Lehrer hinzukam, flüchtete die 16-Jährige. Sondereinsatzkräfte umstellten das Gebäude, aber da saß Tanja O. schon in der Straßenbahn. Am Abend stellte sich die Täterin nach einem Selbstmordversuch im Kölner Hauptbahnhof.

Es gab Warnungen

Es war das glimpfliche Ende einer Geschichte, deren Anfang im Dunkeln liegt - wie in Erfurt, Emsdetten und Winnenden. Warnsignale gab es auch im Fall Tanja O. zuhauf, doch sie wurden ausgeblendet, verharmlost, bürokratisch abgeheftet. "Ihr werdet alle sterben", soll Tanja O. schon Ende April auf einen Tisch gekritzelt haben. Klassenkameraden hatten die Schulleitung über das Verhalten der 16-Jährigen informiert, eine Begutachtung mit einem Schulpsychologen war terminiert. Ein zu Rate gezogener Experte der Bezirksregierung habe aber die "eindeutige Aussage" getroffen, dass eine Fremdgefährdung nicht vorliege, sagte Schulleiterin Anne Marie Wähner nach dem vereitelten Amoklauf. Vielleicht hat man Tanja O. eine derartige Tat einfach nicht zugetraut; vielleicht, weil sie ein Mädchen ist.

Für den Prozess sind bis zum 24. November acht Verhandlungstage angesetzt, 26 Zeugen sind geladen, zwei psychiatrische Gutachter sollen Auskunft zur Schuldfähigkeit der 16-Jährigen geben. Die Frage aber, warum Kinder und Jugendliche sich derart verlassen fühlen, wird der Prozess nicht klären können.