Von Von Stefan Klein

Über sechs Jahre ist sie tot, doch es wächst kein Gras über die Sache, zum Leidwesen ihres Ex-Gatten, dem es vorkommen muss, als sei da doch ein Leben nach dem Tod - das Leben eines Racheengels.

London, im Januar - Eines muss man der Frau lassen: Selbst aus dem Sarg heraus versteht sie es prächtig, die Welt in Atem zu halten. Jedenfalls die Welt der Verschwörungstheoretiker, die sich einfach nicht damit abfinden, dass ihre Märchenprinzessin bei einem schnöden Autounfall ihr Leben gelassen haben soll. Diana und kein Ende: Über sechs Jahre ist sie nun tot, doch das Gras hat nicht wachsen wollen über die Sache, sehr zum Leidwesen ihres Ex-Gatten, dem es vorkommen muss, als sei da doch ein Leben nach dem Tod - das Leben eines Racheengels mit seinen fein gesponnenen Intrigen.

Anzeige

Dass da dieser Brief war, wusste man. Dieser Brief, den Dianas treuer Diener Paul Burrell im Oktober präsentierte. Darin hatte die vom Thronfolger Charles gerade frisch geschiedene Prinzessin offenbar in düsterster Stimmung ein paar Gedanken zu Papier gebracht, darunter einen, der sich im Nachhinein liest wie Prophetie. "Diese spezielle Phase in meinem Leben ist die gefährlichste", schrieb sie, und schilderte dann, was sich zehn Monate später fast genauso ereignen sollte - einen Autounfall, der, so Diana, zum Ziel habe, den Weg freizumachen für die Wiederheirat von Charles.

Wer das Komplott geschmiedet haben sollte, blieb freilich offen. Der Daily Mirror hatte den Brief zwar in Faksimile abgedruckt, die Stelle jedoch, wo Diana den mutmaßlichen Täter beim Namen nannte, hatten die Blattmacher vorsichtshalber mit einem schwarzen Balken verdeckt. Doch die Versuchung, das Geheimnis zu lüften, war offenbar zu groß. Diese Woche konnte das Blatt nicht mehr an sich halten und platzte, natürlich weltexklusiv, mit dem Namen heraus: Charles.

Ganz wohl kann es Mirror-Chefredakteur Piers Morgan bei der Veröffentlichung freilich nicht gewesen sein. Jedenfalls rückte er, gleichsam als salvatorische Klausel, zusätzlich den Hinweis ein, für die Anschuldigung gebe es keine Beweise, und in den Augen vieler Menschen sei sie "völlig grotesk". Den unglücklichen Prinzen Charles wird das nicht getröstet haben. Erst ein paar Wochen ist es her, dass man ihn noch homosexueller Umtriebe mit einem Diener verdächtigte, nun steht er schon wieder im Zentrum eines Skandals. Womöglich ist der nicht mehr als das Lügengespinst einer unglücklichen Frau - aber es ist eines, das die Fantasie beflügelt.

Sollte die Prinzessin wild geraten und unter Auslassung so vieler anderer Möglichkeiten - vergifteter Cocktail, Stromschlag in der Badewanne, Fenstersturz - rein zufällig auf einen fingierten Autounfall getippt haben? Oder war da etwas, das ihr Misstrauen genährt und speziell ihre Angst vor einem Unfalltod im Auto geschürt hatte? Bis auf Weiteres werden die Spekulationen nicht enden, denn seit Dienstag haben sie gewissermaßen eine offizielle Bühne. Da hat ein Londoner Ermittlungsrichter zwei parallele Untersuchungen zum Tod Dianas und ihres Geliebten Dodi Fayed eröffnet und Scotland Yard beauftragt, Licht in die Sache zu bringen. Das kann über ein Jahr dauern, und auch wenn es hinter verschlossenen Türen stattfindet, so wird doch immer wieder etwas herausdringen. Und einer wird wie gewohnt zur Verfügung stehen und alles kommentieren und einbauen in seine Verschwörungstheorie. Dodis Vater Mohammed wird das sein, der Besitzer eines Edelkaufhauses, "Harrods", der auch diese Woche nicht anstand, von einem "abscheulichen Mord" zu sprechen.

Prinz Charles und seine beiden Söhne werden das durchstehen müssen. Wenig wahrscheinlich, dass der Thronfolger von der Untersuchung etwas zu befürchten hat - aber allein der Umstand, dass er ein Jahr der Ungewissheit auszuhalten hat, dürfte schrecklich genug sein. Diana soll den Brief damals ihrem Diener mit den Worten anvertraut haben: "Ich möchte, dass du den behältst, für alle Fälle." Zum Fall ist er nun tatsächlich geworden, zum Streitfall, der kaum lösbar sein dürfte. Der Butler sagt, er habe die Enthüllung des Namens nicht gewollt. Aber dafür kann sich der Prinz nichts kaufen.

Keine Ruhe im Grab, und wer weiß, was die Tote zu Lebzeiten sonst noch für Giftpfeile hinterlegt hat. Manches würde man die Verblichene gerne fragen. Zum Beispiel, warum sie, wenn sie sich eines Autounfalles doch so sicher war, in der fraglichen Nacht in Paris den Anschnallgurt nicht benutzt hat. Auch der Untersuchungsrichter und die Polizei hätten sicherlich allerlei Fragen - doch Racheengel lassen sich leider nicht vorladen.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...

(SZ vom 9.1.2004)