USA: Todesspritze mit Tierarznei Schlafes Bruder

Weil das Narkosemittel Thiopental knapp ist, wurde ein US-Mörder mit Hilfe einer Tierarznei hingerichtet. Der Aufschrei ist laut - dabei wird das Mittel bereits in der Sterbehilfe eingesetzt.

Von Christina Berndt

Das Mittel zum Töten war knapp geworden in Oklahoma. Aber die staatlichen Henker dachten sich etwas Neues aus. Um John David Duty termingerecht seiner endgültigen Strafe zuzuführen, änderte der US-Bundesstaat eigens sein Exekutionsrecht. Statt des bislang verwendeten Narkosemittels Thiopental sollte nun auch das chemisch eng verwandte Pentobarbital verwendet werden dürfen. Das nutzten die Exekutoren. Am Donnerstag töteten sie den 58-Jährigen, der seit 1978 wegen versuchten Mordes einsaß und 2001 in der Haft tatsächlich zum Mörder wurde, auf diese Weise.

Die Empörung über das neue Gift war im Vorfeld groß. Womöglich müsse der Delinquent schreckliche Torturen erleiden, sagten seine Anwälte. Das "neue Medikament" sei in den USA bisher nur zum Einschläfern von Tieren verwendet worden. Doch so kritisch man der Todesstrafe auch gegenüberstehen mag: Wenn sie denn schon durchgeführt wird, so ist an der Verwendung von Pentobarbital nicht viel auszusetzen.

In Europa nutzen nicht wenige Menschen die seit fast hundert Jahren bekannte Substanz freiwillig, wenn sie aus dem Leben scheiden wollen. Die Sterbehilfeorganisationen Exit und Dignitas setzen Pentobarbital seit ihrem Bestehen zur Freitodbegleitung ein, bei Exit sind das schon 28 Jahre.

Auch in den Niederlanden ist Pentobarbital das Medikament, das Ärzte am häufigsten zur Sterbebegleitung verwenden. Seit 1985 empfiehlt der Königliche Verein für Pharmazie offiziell eine Überdosis Pentobarbital als "medizinisch angemessen". "Wenn es eine inhumane Art zu sterben wäre, hätte es wohl längst einen Riesenskandal gegeben", sagte ein Insider, der ungenannt bleiben will, der SZ.

Vermutlich ist die alleinige Verwendung von Pentobarbital sogar sanfter als der in den USA bisher übliche Einsatz dreier verschiedener Chemikalien. Bei der dreistufigen Prozedur wird der Todeskandidat zunächst durch ein Schlafmittel bewusstlos gemacht. Dann bekommt er ein Lähmungsmittel, damit seine Muskeln nicht zucken, und schließlich Kaliumchlorid, damit das Herz zu schlagen aufhört. Wenn der Delinquent die schmerzhafte Kaliumchlorid-Spritze nicht spüren soll, muss vor allem eines stimmen: die Narkose.

Weil aber oft die Schlafmittelmenge nicht richtig berechnet wird, erleiden die Todeskandidaten mitunter entsetzliche Qualen, wie Ärzte in der Fachzeitschrift Lancet vor einigen Jahren beklagten, nachdem sie Protokolle von Hinrichtungen ausgewertet hatten. Zahlreiche Delinquenten erlebten ihre Exekution bei vollem Bewusstsein, so Leonidas Koniaris von der University of Miami. Wegen der lähmenden zweiten Injektion seien sie dann nicht einmal imstande, sich bemerkbar zu machen.

Diese schlimmste Panne bei einer Hinrichtung ließe sich ausschließen. Denn Pentobarbital kann - ebenso wie Thiopental - allein verwendet werden. Wenn man die vorgesehene hohe Dosis verwende, schlafe der Betroffene nach drei bis fünf Minuten ein, sagt der Insider. Dann komme es zur Atemlähmung. Sollte die Dosis aber nicht stimmen, passiert nicht viel mehr, als dass der Todeskandidat seine Exekution überlebt.

In Oklahoma aber wurde Thiopental nur durch Pentobarbital ersetzt, beim dreistufigen Prozedere ist es geblieben. Und so ist die Aussage des Gefängnissprechers Jerry Massie, bei der Exekution seien keine Probleme mit dem neuen Mittel aufgetreten, nur von eingeschränktem Wert. Der Todgeweihte jedenfalls war am Schluss "bereit zu gehen", wie er sagte. Auf einer Krankentrage festgebunden und mit einer Augenklappe über dem rechten Auge bat er die Familie seines Opfers um Verzeihung. "Ich hoffe, dass Sie eines Tages in der Lage sein werden, mir zu vergeben - nicht um meinetwillen sondern um Ihretwillen", sagte er. Drei Minuten dauerte es nach der ersten Spritze, dann atmete er nicht mehr.