USA: Mord an Abtreibungsarzt Der Pro-Life-Killer

Todesengel und Mörder: Die Tat eines militanten Abtreibungsgegners, der einen Arzt in einer Kirche erschossen hat, spaltet die Bewegung der christlichen Fundamentalisten.

Von Ch. Wernicke

Ja, es gab Zeichen. Und Warnungen, dass dieser Scott Roeder mehr wollte als nur friedlichen Protest. Schon vor zwei Jahren hatte Roeder, ein 51-jähriger Gelegenheitsarbeiter, sein Opfer sehr öffentlich im Visier: Per Chat auf der Website der militanten Pro-Life-Organisation Operation Rescue verglich er George Tiller, den Gynäkologen und Abtreibungsdoktor aus Wichita im US-Bundesstaat Kansas, sehr drastisch mit Josef Mengele, dem Nazi-Arzt und Todesengel von Auschwitz.

USA: Mord an Abtreibungsarzt

Scott Roeder bei seiner ersten Anhörung vor Gericht: Zwei Tage nach dem Mordanschlag ist gegen den Tatverdächtigen Anklage erhoben worden.

(Foto: Foto: AFP)

Und Roeder rief Gleichgesinnte auf, den Mediziner in seiner eigenen Kirche zu stellen: "Drinnen, nicht nur draußen!" Am vergangenen Sonntag ist Roeder dann selbst hingefahren. George Tiller, ein gläubiger Protestant, verteilte kurz nach zehn Uhr morgens im Foyer noch den Gemeindebrief der Reformation Lutheran Church, als Roeder vor ihn trat. Und schoss.

Seither sind alle entsetzt. Präsident Barack Obama zeigt sich "schockiert und empört". Frauenrechtler und Familienplaner beklagen den "tragischen Tod eines Freundes". Und sogar jene Aktivisten, die in allerlei evangelikalen Organisationen seit Jahr und Tag gegen "Tiller, the Babykiller" wetterten und dessen Klinik regelmäßig mit Menschenketten umlagerten, mahnen pflichtschuldig zum Gebet für das Mordopfer.

Derweil ringt Lindsey Roeder mit den Tränen. Vor 13 Jahren hat sie sich von Scott Roeder scheiden lassen - "weil der Mann, den ich geheiratet hatte, in dieser anderen Person verschwunden war". Diese andere Person war jener Mann, der Anfang der 90er-Jahre seinen Job verlor. Der sein Heil bei rechten Milizen suchte, der in Camps einer notorisch gewalttätigen Gruppe fuhr, seine Kampfkraft und Gesinnung stählte. Erst sei er nur "gegen alle Steuern, dann gegen Abtreibung" gewesen, erzählt seine Ex-Frau, "und dazu kam all dieses Alttestamentarische, dieses Auge-um-Auge-Denken".

Endgültig gescheitert war die Ehe 1996. Im April jenes Jahres war Roeder der Polizei aufgefallen, weil auf seinem Auto statt eines Nummernschilds nur diese Plakette klebte, die ihn als "souveränen, gesetzestreuen Bürger" auswies. Im Kofferraum fanden die Beamten den Bausatz für eine Bombe.

Roeder, dem Ärzte später Symptome von Schizophrenie bescheinigten, musste 16 Monate hinter Gitter, ehe das Urteil wegen eines Formfehlers widerrufen wurde.

Seither schlug sich Roeder durch. Seine geistige Heimat fand er in Kansas City im US-Bundesstaat Missouri, im Milieu fundamentalistischer Abtreibungsgegner. Dort war er bei jeder Demonstration gegen eine lokale Frauenklinik dabei, und Robert Crist, den 73-jährigen Arzt, schaudert es rückblickend, wenn er an eine Begegnung zurückdenkt, die mehr als zehn Jahre zurückliegt. "Er drohte mir und sagte: 'Jetzt weiß ich, wie du aussiehst.' Vielleicht wollte er auch mich töten."

Roeder suchte Zuspruch, und er fand ihn. Etwa bei Morris Wilson, mit dem Roeder viel Zeit bei der Miliz der Patriotenbewegung von Kansas verbrachte. Oder bei Regina Dinwiddie, der 54-jährigen Großmutter und Abtreibungsgegnerin, mit der er so viele Demonstrationen durchstand - und die Roeders Mord nicht missbilligen mag: "Das war absolut gerechtfertigt", sagt Dinwiddie trotzig, denn Doktor Tiller habe "sein Leben verwirkt, weil er unschuldigen Kindern das Leben genommen hat".

Umfragen zeigen, dass eine zwar knappe, aber stetige Mehrheit der Amerikaner das gegenwärtige US-Abtreibungsrecht billigt. Doch in der Gruppe weißer, evangelikaler Christen regiert eine andere Stimmung. Von ihnen können 61 Prozent kaum ertragen, dass in den USA jährlich circa 1,2 Millionen Schwangerschaften abgebrochen werden. Und laut Analyse des angesehenen Pew Research Centers ist dieser Leidensdruck noch deutlich höher unter jenen, die mehr als einmal wöchentlich zur Kirche gehen.

Das sind Mitbürger wie Troy Newman, der als Chef von Operation Rescue nun erklärt, George Tiller habe "doch nur geerntet, was er selbst gesät hat." Oder Männer wie Dave Leach, der in Iowa ein christlich-fundamentalistisches Kampfblatt names Prayer and Action vertreibt und der regelmäßig Elaborate von Roeder erhielt. "Dies ein Verbrechen zu nennen, ist zu einfach", sagt Leach über den Mord.

Der Anschlag auf Tiller hat diese Organisationen in die Defensive getrieben. Sogar der TV-Moderator Bill O'Reilly, der bei Fox News auf die Linke schimpft und einst George Tiller als "Babykiller" schmähte, muss sich des Vorwurfs der Hetze erwehren. Aber aufgeben werden sie nicht. Operation Rescue jedenfalls wird am Montag wieder vor der Frauenklinik in Wichita demonstrieren. Denn an jenem Tag wollen ein paar Frauenärzte nach Kansas reisen - und tun, was George Tiller nun nicht mehr tun kann.