Ohne Seth Miller hätten sich die Gefängnistore für Bain vermutlich immer noch nicht geöffnet. Der Anwalt arbeitet für das Innocence Project, eine US-Organisation, die sich um die Aufklärung von Justizirrtümern bemüht.

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Durch Zufall erfährt Miller nach dem vierten Antrag von Bains Fall. "Mir war klar, dass er das alleine nicht schaffen würde", sagt der 30-Jährige. Sie stellen einen fünften Antrag - diesmal mit Erfolg. Ein unabhängiges Labor darf die Unterhose untersuchen. Das Ergebnis: Bain ist nicht der Täter. Die Justiz ordnet einen zweiten Test an, lässt das Beweisstück von einem staatlichen Labor prüfen. Das Ergebnis ist dasselbe.

Das erste Handytelefonat seines Lebens

Danach geht alles sehr schnell. In einer eilig einberufenen Sitzung räumt der Staatsanwalt ein, James Bain habe nichts mit der Vergewaltigung des Jungen zu tun. Der Richter unterschreibt die Entlassungspapiere. "Sie sind ein freier Mann. Gratulation."

Was er gefühlt hat, an diesem 17. Dezember 2009, als er in die gleißende Wintersonne Floridas trat, kann Bain nicht beschreiben. Er ringt nach Worten - und findet keine. Janie, seine Zwillingsschwester, hat Tränen in den Augen. Jemand drückt ihm ein Handy ans Ohr. Das erste Handytelefonat seines Lebens führt er mit seiner kranken Mutter. Was das für ein Gefühl ist, wollen Reporter von ihm wissen. "Das war das stärkste Gefühl, das ich je hatte", sagt Bain.

Unbekanntes Land

Eine Entschuldigung von Seiten der Justiz hat er bis heute nicht erhalten. Aber er wird Geld bekommen - 50 000 Dollar für jedes verlorene Jahr, so schreibt es das Gesetz in Florida vor. "Natürlich können die 1,75 Millionen Dollar all das, was ich verpasst haben, nicht ersetzen, aber ich weiß, dass ich Glück hatte", sagt Bain. In andere US-Staaten hätte er viel weniger Entschädigung erhalten.

Von dem Geld will sich Bain ein kleines Haus kaufen - und eine Harley Davidson, irgendwann einmal. Er will den High-School-Abschluss nachmachen und will benachteiligten Jugendlichen helfen, sagt er. Fürs Erste ist er wieder bei seiner Mutter eingezogen.

Das neue Amerika ohne Telefonzellen, ohne Autos mit Kupplung, ohne Richard Nixon ist ihm noch zu fremd. Am schlimmsten sind die Automaten und Computer überall. "Den Flug hierher hätte ich nie alleine geschafft", sagt Bain. Er lächelt wieder für ein Foto. Die Hotelmanagerin hat ihn im Seitenflur gefunden.

Bain wird jedoch nicht nur Geld bekommen. Es gibt da noch jemanden, der ihm helfen will: das damalige Opfer. Über die Anwälte hat der heute 44-Jährige Kontakt aufgenommen. Gegen ein Treffen hat James Bain nichts einzuwenden. "Ich mache ihm keine Vorwürfe, auch seinem Onkel nicht", sagt er. "Vielleicht hätte ich an seiner Stelle genauso gehandelt."

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(SZ vom 03.02.2010/kred/kat)