US-Gefängnisinsel Alcatraz Flucht vom furchtbaren Felsen

Alcatraz: Heute sind Felsen und Gefängnis nur noch eine gruselige Touristenattraktion.

(Foto: imago)

Vor 55 Jahren schloss das berüchtigte Gefängnis auf der Insel nahe San Francisco. Drei Häftlinge sollen von Alcatraz 1962 spektakulär entkommen sein. Aber haben sie überlebt?

Von Volker Bernhard

Alcatraz - allein die Nennung des Namens verströmt die Aura von Unbezwingbarkeit und Brutalität, die jeden szenischen Einstieg farblos wirken lässt: tosende Wellen, zerklüftete Felsen, karge Zellen voller mörderischer, nun selbstmörderischer Menschengestalten. Dazu ausgeklügelte Einsperrungssysteme.

Alcatraz: Das Gefängnis auf der Insel in der Bucht von San Francisco wurde geradezu geschaffen, um finster zu glänzen. Es galt über Jahrzehnte als das beste Hochsicherheitsgefängnis der USA, eine Art Endstation aller Unverbesserlichen, ein Zeichen staatlichen Durchgreifens im "land of the free". Kein Entkommen, niemals. Doch heißt es in der Nationalhymne ebenso: "home of the brave". Eben dies wurde der grausamen Realität zum Verhängnis - oder doch nicht?

Kriminelle Prominenz wie Al Capone und Machine Gun Kelly

1854 ging auf der Insel der erste Leuchtturm der amerikanischen Westküste in Betrieb, ein später errichtetes Fort diente bereits während des Sezessionskrieges als Gefängnis. Die "goldenen" Jahre voller Ruhm reichen von 1934 bis 1963 und begannen mit dem Ausbau und der Erhebung in den Stand eines Bundesgefängnisses.

Die Lage schien perfekt zu sein, dank kalter Meeresströmung und schroffer Felsen, die der Insel den Namen "The Rock" gaben. 1576 Häftlinge sahen die Zellen, vor der touristischen Erschließung, von innen, nie mehr als 302 zur selben Zeit. Namhafte Banditen wie Al Capone und Machine Gun Kelly büßten hier ihre Strafe ab, fungierten gewissermaßen als Maskottchen des Schreckens.

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Die Zellen waren knapp ausgestattet, aber auch der tatsächlich vorhandene überschaubare Luxus war Teil einer gewieften Strategie: Die Häftlinge wurden zu Warmduschern umerzogen, um eine Flucht durch das kalte Wasser der Bucht zu erschweren. 36 Häftlinge versuchten den Ausbruch, fast alle ertranken, wurden gefasst oder erschossen. Doch fünf Personen sind verschollen.

Vor allem der Ausbruch in der Nacht zum 12. Juni 1962 ist geheimnisumwittert: Frank Morris sowie die Brüder John und Clarence Anglin gelangten dank monatelangem Löffelkratzeinsatz durch das Entlüftungssystem in einen Korridor, der ihnen fortan als heimlicher Arbeitsraum diente. Nach Wochen der Bastelei entkamen sie dem Gebäude durch den Lüftungsschacht und über das Dach.

Die Insel verließen sie mit aus Regenjacken zusammengeflickten Schwimmwesten und einem Schlauchboot, das sie mit dem Balg einer Konzertina aufbliesen. Um Zeit zu gewinnen und die Wärter glauben zu lassen, sie würden schlafen, fertigten sie Puppen mit Haaren vom Friseurboden und bemalten sie mit Farbe aus einem Malkasten.

Ein Ausbruch, der dank Allen West, dem zurückgelassenen Vierten im Bunde, ausführlich dokumentiert ist und als Vorbild für den Film "Flucht von Alcatraz" mit Clint Eastwood diente.

Obwohl das FBI keine Mühen scheute, um die Männer zu ergreifen, wurden abgesehen von ans Ufer gespülten Fluchtwerkzeugen keine Hinweise aktenkundig. Als die Behörden ihren Tod verkündeten, spielten sie den Joker "Naturgewalt".

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Die drei Flüchtigen wurden ebenso wie zwei andere eines weiteren Ausbruchsversuchs offiziell zu Opfern der gefährlichen Bucht ernannt, um den Mythos zu erhalten. Die Zweifel an dieser Version ließen in der folgenden Zeit nicht nach, sicher auch dank der Lust der Outlaws, den Behörden hin und wieder eine Nase zu drehen: Die Brüder Anglin überfielen beispielsweise Banken mit einer Spielzeugpistole.

Letztlich verlor das Gefängnis so den Nimbus der Unbezwingbarkeit. Damit blieben von Alcatraz nur mehr die hohen Betriebskosten, der bröselnde Beton und die vom Salzwasser zerfressenen Rohre übrig. Einen Mythos beerdigt man nicht so leicht, eine teure Anstalt mit schwindender Strahlkraft hingegen schon. So befahl der damalige Justizminister Robert F. Kennedy am 21. März 1963 die Schließung von Alcatraz.

Doch wie ging es mit den Entkommenen weiter? In den vergangenen Jahrzehnten erhielten die Behörden immer wieder fragwürdige Hinweise. Erst im Januar 2018 veröffentlichte das FBI einen Brief, dessen Absender sich als John Anglin ausgab. Der Fluchtversuch sei geglückt; da er schwer krank sei, würde er unter Zusicherung einer einjährigen Haftstrafe seinen Aufenthaltsort nennen. Das FBI-Labor konnte die Echtheit nicht bestätigen.

Foto neben einem Termitenhügel

Ein glaubwürdiges Indiz lieferten aber zwei Neffen der Anglin-Brüder 2015 in einer Dokumentation des History Channel. Neben zwei undatierten Postkarten, welche die Familie von den Brüdern nach dem Ausbruch erreicht haben sollen, brachte vor allem ein Foto Schwung in die Sache: Schmerbäuchig und im schönsten Look der Siebziger stehen da zwei Männer neben einem imposanten Termitenhügel.

Fred Brizzi, ein Jugendfreund der Brüder, gab das Foto der Familie. Er traf nach seiner Aussage zufällig John Anglin in einer brasilianischen Bar. Der nahm ihn mit auf ihre Ranch und ließ das Fotografieren zu. Die Ähnlichkeit mit früheren Aufnahmen bestätigten Forensiker - das Foto zeige "sehr wahrscheinlich" die Brüder.

Zu Frank Morris gibt es keine Hinweise derartiger Qualität.

Ob den Dreien wirklich die Flucht gelang, lässt sich wohl nicht mehr aufklären. Sie stehen aber samt künstlich gealterter Fotos noch immer auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher im nördlichen Kalifornien, bis sie oder ihre sterblichen Überreste wirklich gefunden werden.

Alcatraz ist seit 55 Jahren Geschichte - und wirkt noch immer beklemmend. Warum hingegen die moderne Überwachung und Kontrolle des digitalen Zeitalters jeden betrifft und doch nie ähnlich schauerlich wirkt, das ist ein anderes Rätsel.

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