Ein gewaltiges Sturmtief fordert in Frankreich, Spanien und Deutschland mindestens 53 Menschenleben, 45 Todesopfer gab es allein in Frankreich. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland wurde der Zugverkehr eingestellt.

Der französische Wetterdienst Météo France hatte das Sturmtief Xynthia rechtzeitig angekündigt, doch er konnte den Tod Dutzender Menschen nicht verhindern. Die Zahl der Unwetteropfer stieg am Sonntag in Frankreich von Stunde zu Stunde.

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Mit bis zu 175 Stundenkilometern zog Xynthia über Frankreich hinweg. Im Hafen von Saint-Martin-de-Re hob das Sturmtief sogar ein Schiff auf die Mole. (© Foto: dpa)

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Am Abend meldete das Innenministerium in Paris bereits 45 Tote - mindestens, wie es hieß. Zahlreiche weitere Menschen wurden bei dem Unwetter am Wochenende verletzt, etwa eine Million Franzosen mussten zeitweise ohne Strom auskommen. Die Bilanz des Sturms werde "von Minute zu Minute" dramatischer, teilte der Zivilschutz mit.

Air France strich viele Flüge, Straßen- und Bahnverbindungen wurden durch herabfallende Äste und Felsbrocken unterbrochen. Die französische Regierung kam am Sonntag Abend zu einer Notstandssitzung zusammen, Premierminister François Fillon sprach von einer "nationalen Katastrophe".

Präsident Nicolas Sarkozy wollte am Montag in die besonders be-troffenen Départements Vendée und Charente-Maritime an der Atlantikküste reisen, um sich ein Bild von den Schäden zu machen.

Mit 175 Stundekilometer am Eiffelturm vorbei

Wer am Samstag auf Frankreichs Autobahnen unterwegs war, der wurde auf Informationstafeln immer wieder vor dem herannahenden Sturm gewarnt. Von Spanien her kommend zog Xynthia dann am Samstag mit Windgeschwindigkeiten mit bis zu 160 Stundenkilometern über das Land hinweg, am Eiffelturm in Paris sollen sogar 175 Kilometer gemessen worden sein.

Der Sturm und eine besonders hohe Flut drückten das Meerwasser in die Orte an der Atlantikküste und setzten viele Häuser unter Wasser. Etliche Menschen ertranken in ihren Wohnungen, andere wurden von Ästen oder herabgerissenen Metallteilen erschlagen.

In einigen Gemeinden um die Stadt La Rochelle stand das Wasser eineinhalb Meter hoch in den Straßen, und manche Häuser waren bis zu den Dächern überflutet. Die Feuerwehr musste zu etwa 25.000 Einsätzen ausrücken. Auch Polizei und Militär versuchten, den Unwetteropfern zu helfen.

"Unser Haus ist innerhalb einer halben Stunde vollgelaufen", berichtete ein Ehepaar, das mit seinen vier Kindern einige Ferientage in der Gemeinde La-Faute-sur-Mer verbringen wollte. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde die Familie durch das Tosen des Sturms geweckt. Sie flüchtete sich in das obere Stockwerk, doch in der Nacht stieg das Wasser unaufhörlich weiter. "Um vier Uhr früh bekamen wir richtig Angst", erzählte die Mutter später. Schließlich wurde die Familie gerettet.

Auch in zahlreichen anderen Orten mussten die Einsatzkräfte Häuser evakuieren und Menschen in Sicherheit bringen, die sich in ihren Schlafanzügen auf die Dächer geflüchtet hatten. Sie wurden zunächst in Schulen und Gemeindehallen untergebracht.

Die Schäden des Sturmtiefs waren am Sonntagabend in Frankreich noch gar nicht absehbar. Premierminister Fillon kündigte an, binnen 48 Stunden den Katastrophenzustand für die am stärksten betroffenen Regionen auszurufen. Wichtigste Aufgabe sei es zunächst, die obdachlosen Menschen in Sicherheit zu bringen, sagte der Ministerpräsident. Außerdem müssten die Deiche verstärkt und die Elektrizitätsleitungen repariert werden.

Vier Tote in Deutschland

Der Sturm erreichte gegen Sonntagmittag Deutschland, richtete dort auch große Schäden an. In Nordrhein-Westfalen kamen durch das Orkantief bis zum frühen Abend zwei Menschen ums Leben. In Pulheim bei Köln wurde eine Frau beim Joggen von einem umstürzenden Baum erschlagen, in Ascheberg starb eine 70-jährige Autofahrerin, als ein Baum auf ihren Wagen fiel und das Fahrzeug anschließend in einen Graben geschleudert wurde.

Zudem zählte die Landesleitstelle der nordrhein-westfälischen Polizei bis zum frühen Abend 16 Leichtverletzte. Bis 18.30 Uhr meldeten die Polizeidienststellen insgesamt 2644 wetterbedingte Einsätze. Die Deutsche Bahn stellte um 17.30 Uhr den gesamten Betrieb in NRW ein. Man wolle kein Risiko eingehen und "prophylaktisch" handeln, sagte Bahn-Sprecher Carsten Grumme.

Das Orkantief war am Nachmittag mit Windstärken von bis zu 137 Stundenkilometern über die Nordeifel hinweggetobt. Die Böen entwurzelten Bäume, rissen auch Baustelleneinrichtungen und Verkehrsschilder aus der Verankerung.

Eine Vielzahl von Autobahnen und weiteren Straßen mussten teils längerfristig gesperrt werden. Zudem musste in Köln am Mittag die Deutzer Brücke kurzzeitig für den Straßenbahn- und Autoverkehr gesperrt werden, ebenso wurde der Platz vor dem Dom geräumt.

Glück in Unglück hatten die Bewohner in Titz-Müntz (Kreis Düren). Dort brach die ohnehin baufällige, rund 20 Meter hohe Kirchturmspitze der Pfarrkirche St. Peter durch den Wind ab und krachte auf das Kirchendach. Die Kirche war leer, verletzt wurde niemand.

In Hessen wurde ein 69-jähriger Wanderer von einem Baum erschlagen. Der Mann war bei Taunusstein unterwegs, als ihn ein Ast tödlich verletzte. Der Zugverkehr am Frankfurter Hauptbahnhof musste zeitweise eingestellt werden. Am Abend fuhren Richtung Norden nur einzelne Züge mit verringerter Geschwindigkeit.

Zwischen Fulda und Hanau stieß ein ICE gegen einen umgestürzten Baum. Etwa 800 Reisende saßen stundenlang fest. Am Frankfurter Flughafen fielen bis zum Abend mehr als 220 Flüge aus. Auch der Bahnhof am Flughafen musste zeitweise gesperrt werden. Der Sturm hatte Scheiben einer Glaswand zerspringen lassen. Zahlreiche Straßen waren unpassierbar. Gesperrt wurde auch die Autobahn A3 bei Kelsterbach. Hier wehte der Sturm Fassadenteile von einer Baustelle am Flughafen auf die Fahrspur.

Gegen 12 Uhr Mittag hatte der Sturm Bayern erreicht, vor allem Unterfranken war betroffen. Die Einsatzzentrale die Polizei in Würzburg entsandte allein zwischen 12 und 17 Uhr auf 105 Notrufe hin Rettungskräfte. In der Gemeinde Waldbüttelbrunn bei Würzburg wurde ein 51-Jähriger schwer verletzt, als eine Böe einen Baukran erfasste und den Mann einquetschte.

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(SZ vom 01.03.2010/S. Ulrich, D. Graalmann, M. Widmann, R. Deininger/liv)