Unschuldig hinter Gittern 888 Tage unschuldig im Gefängnis

Monika de Montgazon saß 888 Tage. Auch sie kämpft seit Jahren um Wiedergutmachung. Auch ihr Fall erregte bundesweit Aufsehen, auch sie hat immer wieder verloren. 2005 bekam sie Lebenslänglich. Das Gericht war der Überzeugung, sie habe im September 2003 ihr Haus angezündet. Ihr Vater, der mit ihr dort lebte, starb bei dem Brand. Ihr Schwager Rudolf Jursic glaubte an ihre Unschuld, arbeitete sich durch chemische Formeln, wühlte in Fachzeitschriften, beauftragte Experten. Ergebnis: Das Brandgutachten war falsch, der Tod seines Schwiegervaters ein Unfall.

Der Bundesgerichtshof hob das Urteil in der Revision auf, Montgazon wurde im März 2006 aus der Haft entlassen. Zwei Jahre dauerte es bis zum neuen Verfahren - eine Zeit, in der sie völlig allein gelassen wird von den Behörden, keinen Job findet, keine Wohnung. Wer stellt schon jemanden ein, auf den noch ein Verfahren wartet? Wer will einen Mieter, dessen letzte Adresse der Knast war? Von den Behörden bekam sie keine Hilfe. "Man wird völlig im Regen stehen gelassen", sagt Montgazon. Das änderte sich auch dann nicht, als sie 2008 freigesprochen wurde.

Die ehemalige Arzthelferin hat bis heute keine Anstellung gefunden. "Die Stigmatisierung, die mit dem Gefängnis einhergeht, endet nicht mit dem Freispruch", sagt der Anwalt Schellenberg. Das liegt auch daran, dass die Justiz so verschämt mit ihren Opfern umgeht. Fehler sind nicht vorgesehen, unschuldig Inhaftierte dürfte es gar nicht geben, deswegen gibt es auch keine geregelte Hilfe für sie. Während Straftätern nach ihrer Haftentlassung bei der Job- und Wohnungssuche geholfen wird, stehen die Freigesprochen ganz alleine da.

Nicht einmal eine Entschuldigung hat Montgazon gehört - dafür, dass sie ihren Sohn bei seinen Besuchen im Knast nicht berühren durfte, dafür, dass sie die Beerdigung ihres Vaters nicht miterlebt hat, weil sie nicht in Handschellen vor dem Sarg stehen wollte, dafür, dass sie wohl nie wieder als Arzthelferin arbeiten kann. Ihr Leben ist zerstört. Für den Gutachter, der sich geirrt hat, für den Staatsanwalt und den Richter hatte der Fall keine Konsequenzen.

Nach der Haft beginnt der Papierkrieg

Vier Jahre nach dem Freispruch kämpfen Montgazon und ihr Schwager Jursic immer noch mit der Justiz. Es geht um die Kosten für die Brandgutachten, die Montgazons Unschuld bewiesen haben. Das Berliner Kammergericht entschied, nur einen Teil zu übernehmen. 32 000 Euro soll die 56-Jährige selbst zahlen, Revision ist diesmal nicht erlaubt. Die Gutachter seien zu teuer gewesen, Montgazon hätte wirtschaftlicher denken sollen, so fasst sie selbst die Urteilsbegründung zusammen. "Das ist eine Frechheit", sagt sie, "sollen die mal im Knast sitzen und wirtschaftlich denken." Jetzt zieht sie gemeinsam mit ihrem Schwager vors Bundesverfassungsgericht. Zur Not, sagt Jursic, gehe er bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er will Gerechtigkeit: "Es geht verdammt noch mal ums Prinzip."

Neben dem immateriellen Schadenersatz, dem Schmerzensgeld, haben unschuldig Inhaftierte Anspruch auf materiellen Schadensersatz. Sie werden zum Beispiel für ihren Verdienstausfall entschädigt, für Verluste bei der Rentenversicherung, und wenn sie während der Haftzeit ihre Wohnung verloren haben. Doch sie müssen alles genau belegen können. "Eine unendliche Fummelarbeit", sagt Rechtsanwalt Lierow, der den verstorbenen Lehrer vertreten hat. Arnold musste nachträglich Monat für Monat der Haft den Verdienstausfall berechnen, Änderungen im Tarifrecht berücksichtigen, Belege aus einer Zeit vorlegen, in der er selbst hinter Gittern saß. Es komme sogar vor, dass Geschädigte auf das Geld verzichten, sagt Anwalt Schellenberg, "weil sie keine Kraft mehr haben, sich mit Ämtern auseinanderzusetzen".