Von H. Leyendecker, J. Nitschmann

Mit einem anonymen Brief begann im Mai 2007 die Unicef-Affäre - bis heute ist ihr Ausmaß strafrechtlich und moralisch nicht einzuschätzen.

Das Kinderhilfswerk Unicef steckt in der Krise. "Wir sind besorgt wegen des Imageschadens", sagte eine Sprecherin der Organisation. An der Basis wächst der Unmut. Eine Arbeitsgruppe am Niederrhein hat sich bereits aufgelöst. In der Kritik steht vor allem der 60-jährige Geschäftsführer Dietrich Garlichs, der 1989 bei Unicef anfing.

Unicef; Sharon Stone; Reuters

Große Show: Bei den Unicef-Galas setzen sich Stars gerne in Szene, um ihre mildtätige Seite zu zeigen - wie hier Richard Gere und Sharon Stone 2007. (© Foto: Reuters)

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Mit Datum vom 24. Mai 2007 wurde ein erster anonymer Brief an die damalige Unicef -Vorsitzende Heide Simonis gerichtet. Der oder die Unbekannte berichten über angebliche Unregelmäßigkeiten, angebliche Misswirtschaft und die angebliche Verschwendung von Spendengeld. So solle es "einige äußerst lukrative Beraterverträge" geben. "In unseren Augen sind das wahre Geldgeschenke für Gegenleistungen, die für uns im Verborgenen bleiben", heißt es in einem der Schreiben. "Insgesamt scheint vielen Mitarbeitern die Auftragsvergabe an Externe vielfach mehr als dubios". Kurz darauf werden Sondersitzungen des geschäftsführenden Vorstandes einberufen. Der Schatzmeister weist darauf hin, dass der Geschäftsführer im Einklang mit seinem Vertrag gehandelt habe. Aus Sicht von Frau Simonis können "nicht alle Unklarheiten beseitigt werden".

KPMG-Bericht

Nachdem die Vorwürfe durch Medien öffentlich geworden sind, kommt es zu einem Zerwürfnis zwischen Simonis und Garlichs. Die Vorsitzende attackiert den Geschäftsführer. Ende November leitet die Kölner Staatsanwaltschaft aufgrund von Presseberichten ein Ermittlungsverfahren gegen Garlichs ein. Auf einer Vorstandssitzung am 1. Dezember wird beschlossen, externe Prüfer einzuschalten. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG bekommt den Zuschlag. Vier Spezialisten prüfen den Fall.

In dem Sonderprüfbericht vom 14. Januar kommt die KPMG zum Ergebnis, dem Unicef- Management sei kein strafbares Verhalten anzulasten. "Es haben sich in keinem der untersuchten Sachverhalte Hinweise auf persönliche Bereicherung und Vorteilsnahmen durch handelnde Personen ergeben," stellen die KPMG-Prüfer fest. Den in Rechnung gestellten und gezahlten Beträgen "stehen Gegenleistungen für Unicef gegenüber und diese entsprechen den geschlossenen Vereinbarungen". Allerdings wurden in "vier der fünf untersuchten Sachverhalte Verstöße gegen bestehende Regeln der Vergabe, Durchführungen und Kontrolle von Transaktionen festgestellt, die dem Bereich der Ordnungsmäßigkeit zuzuordnen sind".

Über die Bewertung des Berichts kommt es zu einem Streit zwischen KPMG und Unicef. Der Vorstand des Kinderhilfswerks stellt am 14. Januar unter Berufung auf den Bericht fest, die gegen Unicef erhobenen Vorwürfe seien falsch. "Es gab keine Verschwendung von Geldern, keine Unregelmäßigkeiten oder gar Satzungs- und Gesetzesverstöße". Der KPMG-Prüfer Dieter John fordert Unicef auf, die Erklärung zurückzuziehen. In seiner Sonderuntersuchung sei "sehr klar von Verstößen die Rede", beharrt John in einem Schreiben an die Führung des Kinderhilfswerks. Es handele sich um "Unregelmäßigkeiten". Über diese Lesart der Prüfer empört sich wiederum Garlichs: Die von KPMG beanstandeten Verstöße seien "wirklichkeitsfremd, auch wenn sie formal richtig sind". Die Vergabe von Aufträgen per E-Mail beispielsweise bewerte die KPMG als Verstoß, weil es sich nicht um eine schriftlich getroffene Vereinbarung handele.

Geld für externe Berater

Jährlich sammelt Unicef etwa 97 Millionen Euro Spenden. Zwanzig Prozent der Summe kommt durch den Einsatz von ehrenamtlichen Helfern zustande, der Rest durch professionelles Marketing und durch externe Berater. Umstritten sind die Zahlungen an zwei Berater. Einer von ihnen, der pensionierte Ex-Unicef-Mitarbeiter Ulrich Z., soll für ein Tageshonorar von 700 bis 850 Euro zwischen August 2005 und Mai 2007 von dem Kinderhilfswerk insgesamt mehr als 300 000 Euro kassiert haben. Garlichs hatte mit dem Rentner gut 16 Jahre zusammengearbeitet und beschreibt ihn "als einen meiner besten Mitarbeiter". Es hätten "lückenlose Tätigkeitsnachweise" des Rentners vorgelegen, erklärt Garlichs. Die KPMG bemängelt, dass es keine schriftliche Vereinbarung gab. Nach einer Stiftungsratssitzung wird ein Vertrag mit dem Rentner abgeschlossen und fast parallel wird das Beschäftigungsverhältnis beendet. Garlichs räumt ein, es sei "falsch" gewesen, keinen Vertrag abzuschließen.

Bei dem Spendenwerber Victor L., der im Zusammenhang mit einer umstrittenen Lidl-Spende auftaucht, finden die KPMG-Prüfer nur "Provisionssätze schriftlich niedergelegt, aber keine Vereinbarung". Der Fall der Lidl-Spende, für die er 30 000 Euro kassierte, ist kompliziert. Die Verbindungen von L. zur Lidl-Zenrale in Neckarsulm und zum benachbarten Heilbronn spielen eine Rolle. Garlichs bezeichnet es als "Fehler", vorher keine schriftliche Vereinbarung mit L., der inzwischen nicht mehr für Unicef arbeitet, geschlossen zu haben.

Unicef-Stiftung

Im Zug der Transparenz-Affäre bei Unicef ist auch die mit einem Gesamt-Vermögen von 89,4 Millionen ausgestattete Stiftung des Kinderhilfswerks wegen undurchsichtiger Strukturen in die Kritik geraten. Die Stiftung wird von Garlichs allein geführt. Als "Beratergremium" fungiert ein vierköpfiger Stiftungsrat, der sich aus den Mitgliedern des geschäftsführenden Unicef-Vorstandes zusammensetzt. Für dieses Konstrukt habe sich Unicef 1996 entschieden, "um den Aufbau von Parallelstrukturen zu vermeiden", erklärt deren Sprecher Rudi Tarnedebn.

Diese Konstruktion, bei der Garlichs eine dominierende Rolle hat, sei vergleichbar mit den Stiftungen anderer Organisationen. Dagegen hält der Bochumer Stiftungsrechtler Karlheinz Muscheler ein solches Konstrukt für "nicht üblich". Wenn der Vorstand aus nur einer Person bestehe und zudem der Stiftungsrat keine satzungsgemäße Kontrollfunktion habe, müsse bei einer derartigen Größenordnung "zumindest das Vieraugen-Prinzip bei wichtigen Entscheidungen gewahrt" werden. Dies aber sei "nicht möglich, wenn der Vorstand nur aus einer Person besteht".

Ferner monieren Kritiker, dass der größte Teil des Anlagevermögens der Unicef-Stiftung von dem Kölner Bankhaus Delbrück verwaltet wird. Der amtierende Unicef-Schatzmeister Peter von der Heydt, der auch dem Stiftungsrat angehört, war lange Jahre Mitinhaber des Bankhauses Delbrück. Der Unicef-Vorstand kann "keine Interessenverquickung" erkennen und verweist darauf, dass das Bankhaus im Jahre 2006 "das beste Ergebnis von allen für die Stiftung tätigen Banken erzielt" hat.

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(SZ vom 06.02.2008/cag)