Unglückliche Mütter Frauen, die ihre Mutterrolle bereuen

Frauen, die die Entscheidung für ein Kind bereuen, mag es immer schon gegeben haben. Neu ist, dass einige nun öffentlich darüber reden.

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Seit der Debatte um #RegrettingMotherhood reden alle von unglücklichen, überforderten Müttern. Soziologen sagen: Wer Kinder hat, muss sich Auszeiten gönnen. Warum tun das viele nicht?

Von Julia Rathcke

Der Konjunktiv ist eine verlockende Versuchung. Wäre es besser gewesen, wenn sie damals keine Kinder bekommen hätte, oder zumindest keine drei? Könnte sie heute nicht ein schönes Leben haben, tun und lassen, was sie will? Ja und ja, sagt Manuela Weber. "So hart das klingt: Meine jüngste Tochter hätte ich mir sparen können." Müsste die 59-Jährige heute noch einmal entscheiden, nein, sie würde keine Kinder mehr in diese Welt setzen. So leichtfertig diese Aussage scheint, so schwer ist der Weg, der zu diesem Eingeständnis führt. Stress, Überlastung, Verzweiflung, Selbstvorwürfe - und am Ende: ein Gefühl der Reue.

Frauen, die die Entscheidung für ein Kind bereuen, mag es immer schon gegeben haben. Neu ist, dass einige nun öffentlich darüber reden. Eine Studie aus Israel hat erstmals belegt, dass es Mütter gibt, die sich wünschen, sie hätten ihre Kinder nie bekommen. Die Befragten waren sich einig: Könnten sie die Zeit zurückdrehen, sie würden nicht noch einmal Mutter werden.

"Regretting Motherhood" nennt die israelische Soziologin Orna Donath dieses Phänomen, das derzeit unter dem gleichnamigen Hashtag im Netz für Aufsehen sorgt. Und für das es so viele unterschiedliche Vorgeschichten wie Frauen gibt. Eines lässt sich aber festhalten: Dass Frauen mit der Geburt eines Kindes automatisch das große ewige Glücksgefühl überkommt, ist ein Trugschluss. Nicht nur in Israel.

"Es könnte so schön sein, hätte ich das dritte Kind nicht bekommen"

Heute lebt Manuela Weber in Hürth, einer kleinen Stadt nahe Köln, zusammen mit ihrer 24-jährigen Tochter und dem 20 Monate alten Enkelkind in einer viel zu kleinen Wohnung. Gefangen in einem Leben, das sie sich zwar ausgesucht, aber niemals so gewünscht hatte. Und von dem sie sagt: "Es könnte so schön sein, hätte ich das dritte Kind nicht bekommen."

Die erste Ehe, aus der die beiden älteren Töchter (35, 33) stammen, scheiterte. Ihr Mann ging, blieb aber als Vater. Das Verhältnis zu den Kindern ist bis heute gut. Zehn Jahre nach der Scheidung lernt sie wieder einen Mann kennen. Der neue Partner wünscht sich ein Kind, Manuela Weber bekommt noch eine Tochter. Kurz nach der Geburt des Kindes geht auch diese Beziehung kaputt - und bringt Weber nicht nur emotional, sondern vor allem finanziell an ihre Grenzen. Während sie bei den älteren Töchtern mehrere Jahre zuhause bleiben konnte, arbeitet sie jetzt, nach der dritten Geburt, schnell wieder. Nachts an der Tanke, tagsüber als Putzfrau. "Das hat mich zerstört", sagt Weber. Mehrfach wird sie nachts an der Tankstelle bedroht, zwei Mal überfallen, Pistolen vor dem Gesicht und eine abgeschlagene Flasche am Hals.

Seit dem letzten Vorfall arbeitet die 59-Jährige nicht mehr. Zumindest nicht für Geld. Privat schuftet sie weiter: Die jüngste Tochter hat mittlerweile selbst ein Kind, ebenfalls ohne Mann. Und Manuela Weber, Jahrzehnte alleinerziehend, arbeitsunfähig, erschöpft, kümmert sich um ihre Töchter und ihre Enkelin - nur nicht um sich selbst. Mutter auf Lebzeiten, alles für die Kinder.

Überfrachtetes Mütterbild

Soziologen, Psychologen und Therapeuten sagen: Mütter müssen auch auf sich schauen, Mütter müssen sich Zeit nehmen und sich Ruhe gönnen. Manuela Weber sagt: Mütter machen das nicht. Mütter kümmern sich. Immer.

Weil sie müssen? Weil sie wollen? Oder das nicht abstellen können? Weil es sonst niemand macht? Es gibt offenbar viele Gründe für dieses Mutterunglück. "Einerseits ist es der immense Druck von außen, andererseits der, den sich Mütter selbst machen", sagt Anne Schilling, Leiterin des Müttergenesungswerks in Berlin. Das Mutterbild sei überfrachtet, junge Frauen würden sich das anders vorstellen als bei ihrer eigenen Mutter. Bilderbuch-Ehe, Karriere und Kind. Die Realität allerdings ist weit entfernt von diesem Ideal. Frauen haben ein modernes Bild im Kopf - leben aber Traditionen.