Umstrittene Medikamententests West-Pharmakonzerne experimentierten an DDR-Patienten

"Westliche Profitgier zusammen mit kommunistischer Skrupellosigkeit": Politiker reagieren empört auf die Berichte, nach denen in der DDR Medikamente an ahnungslosen Patienten getestet worden seien. Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung fordert Konsequenzen. Dabei ist noch unklar, wer für diesen Skandal verantwortlich ist.

Westdeutsche Pharmaunternehmen haben nach einem Bericht des Berliner Tagesspiegel in den 1980er Jahren im großen Stil Experimente an DDR-Bürgern vorgenommen - offenbar ohne deren Einverständnis. Das Blatt beruft sich auf Unterlagen des einstigen DDR-Gesundheitsministeriums, wonach 50 Unternehmen in den Jahren 1983 bis 1989 Studien dort in Auftrag gegeben haben. Allein im Jahr 1988 sollen es 165 gewesen sein. Für eine einzelne Studie zahlten die West-Unternehmen angeblich bis zu 860.000 D-Mark (etwa 440.000 Euro).

Dem Bericht zufolge wurden die Tests in DDR-Krankenhäusern zumindest teilweise ohne Wissen der betroffenen Patienten vorgenommen, was sowohl nach westdeutschem Recht wie auch nach DDR-Recht illegal gewesen wäre. In sieben Fällen verfügt der Tagesspiegel nach eigenen Angaben über entsprechende Aussagen oder Belege. Auch seien in den Akten des DDR-Gesundheitsministeriums keinerlei Einwilligungserklärungen von Patienten zu finden. Mehrere beteiligte Unternehmen gaben dem Blatt zufolge allerdings an, alle Vorschriften seien eingehalten worden.

Vor allem ostdeutsche Politiker reagierten empört. Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt, sprach im Tagesspiegel von einem "besonders drastischen Fall von Skrupellosigkeit". Devisen seien der DDR-Führung offenbar wichtiger gewesen als die Gesundheit der Bürger. Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch nannte das Vorgehen sowohl der Unternehmen als auch beider deutscher Staaten "menschenverachtend". Unions-Fraktionsvize Arnold Vaatz sagte, die Hauptschuld liege aus seiner Sicht bei den Behörden der DDR: "Die wollten Geld verdienen und das Politbüro der SED hat das ermöglicht." Allerdings bescheinigte Vaatz auch den westdeutschen Pharmakonzernen "kriminelle Energie". Vaatz sowie der Stasiakten-Beauftragte Roland Jahn forderten weitere Aufklärung der Vorgänge.

Zuvor hatte unter anderem bereits der MDR über solche Studien berichtet. Die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) hatte dem Sender in diesem Zusammenhang gesagt, ihr seien solche Studien nicht bekannt gewesen. Der damalige Präsident des für die Zulassung von Arzneimitteln zuständigen Bundesgesundheitsamts, Dieter Großklaus, sagte nun dem Tagesspiegel: "Offiziell habe ich nichts von Pharmastudien in der DDR gewusst."

Früheren Medienberichten zufolge sollen auch Patienten gestorben sein, die an den Studien beteiligt waren. Die Rede ist im Tagesspiegel beispielsweise von einem herzkranken Mann, dem nach MDR-Recherchen offensichtlich Placebos statt Herzmedikamenten verabreicht worden seien. Eine andere Studie in einem Krankenhaus bei Magdeburg war einem vom MDR dokumentierten Schreiben zufolge 1989 nach mehreren Todesfällen abgebrochen worden.

Union und FDP fordern differenzierte Aufarbeitung

Union und FDP wollen den Berichten über Medikamententests an DDR-Bürgern nachgehen. Patrick Kurth, Sprecher für Aufbau Ost der FDP-Bundestagsfraktion sagte, die Meldungen zeigten, dass die Machenschaften des SED-Regimes nicht nur Ostdeutschland beträfen. Kurth forderte einen schärferen Blick auf die Rolle der alten Bundesrepublik in dem Skandal. "Der Vorwurf geht ins Mark unseres gesellschaftlichen Gewissens und weckt beschämende Erinnerungen an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte im Nationalsozialismus", sagte er. Sollten die Vorwürfe zutreffen, dürfe es nicht bei einer gewichtigen Würdigung der Opfer bleiben. Daher wolle er sich für eine parlamentarische Behandlung der Vorfälle einsetzen.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), sagte der Mitteldeutschen Zeitung aus Halle: "Das kann auch heute noch Konsequenzen haben - im Sinne von Entschädigung, möglicherweise sogar von strafrechtlicher Verfolgung." Experimente ohne Einwilligung der Betroffenen seien ein Skandal. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fälle, die jetzt Aufregung verursachen, im Einklang mit dem westdeutschen Recht gewesen sind", sagte er. Bergner plädierte gleichwohl für eine differenzierte Aufarbeitung. So seien viele Ärzte in der DDR froh gewesen, wenn sie überhaupt Medikamente bekommen hätten. Auch könne man die westdeutsche Pharmaindustrie nicht über einen Kamm scheren.

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, Rainer Wagner, sagte der Mitteldeutschen Zeitung: "Hier kommt westliche Profitgier zusammen mit kommunistischer Skrupellosigkeit. Die Vorgänge müssen lückenlos aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden." Eine Entschuldigung sei das Mindeste.