Die Stimmung vor Gericht schlug um

Anzeige

Anfangs war der medizinische Gutachter, ein erfahrener Chirurg, vor Gericht wohlwollend Friedl gegenüber eingestellt. Als er jedoch die Fotos sah, die von der Revisionsoperation gemacht wurden, schüttelte er nur den Kopf. "Das ist Freistil!", schnaubte er. "Hier wurden keine Strukturen freigelegt, bevor die Knochenplatte aufgeschraubt wurde. Der Zugang zum Operationsgebiet ist in keiner Weise ausreichend und nicht nach üblichen Standards erfolgt."

Trotz dieses dramatischen Zwischenfalls machte sich das Freiburger Klinikum erst an die Aufklärung der Vorwürfe, als die Medien den Fall längst aufgegriffen hatten. "Die Informationen müssen irgendwo in der chirurgischen Klinik stecken geblieben sein", versuchte Hermann Frommhold, der damalige Ärztliche Direktor des Klinikums, die Untätigkeit der Klinikleitung zu erklären. Dabei konnte das Klinikum auf Erfahrung im Krisenmanagement zurückgreifen. Von der Abteilung des Krebsmediziners Roland Mertelsmann ging der bundesweit bisher größte Fälschungsskandal aus - er hatte die Klinik über Jahre erschüttert.

Der Skandal um die Sportmediziner, die als Doping-Helfer agiert hatten, sollte noch kommen. Während des Gerichtsverfahrens distanzierte sich die Leitung des Klinikums von ihrem Chirurgen und versuchte die Affäre Friedl als "bedauerlichen Einzelfall" zu sehen. Fehler bei der Berufung? "Jugend an sich ist kein Nachteil", sagte Hermann Frommhold damals, "Sie hätten mal Friedls Bewerbung sehen sollen." Der junge Chirurg wurde unter elf Konkurrenten ausgewählt.

Dass bei einer Blitzkarriere klinische Erfahrung, operatives Geschick und Menschenkenntnis auf der Strecke bleiben können, schien dem Berufungsgremium nicht klar gewesen zu sein. "Wir haben die soziale Kompetenz Herrn Friedls wohl nicht richtig eingeschätzt und Defizite in seiner Personalführung zu spät erkannt", sagte Hermann Frommhold später. Vor dem Freiburger Landgericht zeigte Friedl keine Reue. Er sah sich als Opfer einer Verschwörung. Sein einziger Fehler sei es gewesen, sagte er in einer Verhandlungspause, nach Freiburg gekommen zu sein, "wo man ja nichts verändern wollte". Er sprach auch immer wieder von "Schrott" und "Material". Damit meinte er die Ärzte, die er in seiner Abteilung übernommen hatte.

Das milde Urteil begründeten die Richter auf eigenwillige Weise. So wertete es das Gericht als entlastend für Friedl, dass Akten zu den folgenreichsten Fällen nicht aufzufinden waren. Nur wenige Unterlagen tauchten auf - in Friedls Keller und unter dem Sofa in seinem Büro. Als strafmildernd sah es der Vorsitzende Richter auch an, dass es nach dem in der Öffentlichkeit diskutierten Verfahren für Friedl aussichtslos sei, in Deutschland wieder einen vergleichbaren Posten zu bekommen. Dieses Muster ist aus Fälschungsfällen in der Forschung bekannt: Die Ächtung unter Fachkollegen wird als so gravierende Strafe bewertet, dass es offenbar keiner deutlichen juristischen Verurteilung mehr bedarf.

Während Prozessbeobachter wie Anwalt Albert fassungslos auf die Höhe der Abfindung reagieren, gibt sich Klinikchef Holzgreve pragmatisch: "Das Urteil von 2003 wurde immer wieder bestätigt. Irgendwann war uns klar, dass wir sonst bis zu Friedls Lebensende hätten zahlen müssen."

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Ende eines Dienstverhältnisses
  2. Sie lesen jetzt Ende eines Dienstverhältnisses
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Schön und schmerzvoll

So glamourös wie beherzt: Angelina Jolie hat in Berlin ihren Film über den Bosnienkrieg vorgestellt. Jetzt lesen ...

(SZ vom 28.02.2009)