Von Jürgen Schmieder

Amokläufer und aggressive Tagesmutter: Zwei Fälle, in denen Behörden von potentiellen Tätern wussten - jedoch nichts unternahmen.

"Es hätte verhindert werden können" - diesen Satz hört man nach den tragischen Zwischenfällen der vergangenen Monate immer häufiger. Vor dem Amoklauf im finnischen Kauhajoki etwa sprachen Polizisten mit dem Mann, der später zehn Menschen und dann sich selbst tötete. Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann sagte zu dem Vorfall, dass der Amoklauf ohne Zweifel hätte erkannt werden können.

Der Amokläufer von Kauhajoki stellte Gewaltvideos ins Netz. (© Foto: dpa)

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Er hat an der Technischen Universität Darmstadt ein System entwickelt, das bisherige Täterprofile ablöst und künftig dabei helfen soll, potentielle Gewalttäter früher zu erkennen. Der Polizeibeamte, der den Täter verhört hatte, habe nicht die richtigen Fragen gestellt, weil er die richtigen Fragen nicht gekannt habe, sagte Hoffmann. Das System wird von Januar 2009 an bei der Polizei und an Schulen eingesetzt.

Es gibt aber auch andere Tragödien, die man hätte verhindern können - wenn die Zuständigen rechtzeitig die richtigen Fragen gestellt hätten. Etwa im Fall einer Münchner Tagesmutter, die im Verdacht steht, ein 14 Monate altes Kind geschüttelt und damit getötet zu haben. Gegen die 34 Jahre alte Frau wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt, sagte ein Polizeisprecher. Am Montag stellte sich heraus, dass die Tagesmutter bereits im Mai vom Jugendamt kontrolliert wurde, nachdem sich mehrere Eltern über unzureichenden Umgang mit den Kindern beschwert hatten. Die Frau soll eine hohe Mitwirkungsbereitschaft gezeigt haben, deshalb durfte sie weiter arbeiten.

In Eggenfelden hat sich kürzlich gezeigt, wie mit einem potentiellen Amokläufer umgegangen werden kann - wenn das System greift und die Verantwortlichen dementsprechend handeln: Ein 14-jähriger Achtklässler wurde in die Psychiatrie eingewiesen, nachdem er einen Amoklauf angekündigt hatte. Das Gymnasium erteilte ihm Schulverbot, das Jugendamt wurde eingeschaltet. Der Jugendliche wird die Klinik erst nach eingehender psychologischer Prüfung verlassen dürfen, zudem erwarte ihn eine Anklage wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Der Psychiatrieprofessor und Amok-Experte Lothar Adler gab an, dass eine Androhung immer ernst zu nehmen sei.

Freilich darf man einen Amoklauf nicht mit dem Fall des getöteten Kindes vergleichen - und doch muss man die Frage stellen, ob es nicht ein System der Früherkennung gibt, mit dem eine derartige Tat verhindert werden könnte. Beim Thema Amoklauf werden mittlerweile Lehrer und Familien sensibilisiert, Gleiches könnte bei anderen Themen geschehen. Bisher nämlich glaubte man, die Schwierigkeit bei der Verhinderung liege darin, potentielle Täter zu identifizieren. Es hat jedoch den Anschein, dass Auffälligkeiten zwar bemerkt, jedoch nicht richtig interpretiert werden.

Gerade im Bereich der Jugendämter wurde in den vergangenen Jahren die Professionalität der Mitarbeiter kritisiert. Um als Tagesmutter arbeiten zu dürfen, ist lediglich eine Grund- und Aufbauqualifizierung von gerade einmal 160 Unterrichtsstunden nötig.

Bei der Früherkennung ist ein System nur ein Baustein von vielen. Es ersetzt aber nicht die Aufmerksamkeit der Menschen. Wichtig ist deshalb, Mitarbeiter zu schulen und auf Extremfälle vorzubereiten. Die geforderte Aufmerksamkeit müssen Beamte nicht nur bei der Überprüfung von potentiellen Amokläufern unter Beweis stellen, sondern auch in anderen Bereichen. Das gelingt jedoch nicht in 160 Unterrichtsstunden.

(sueddeutsche.de/bilu/tbc)

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