Umgang mit Gaffern "Das Leid anderer zu filmen, ist krank"

Gaffer behindern bei Unfällen die Arbeit der Retter, manche Täter kalkulieren sogar passive Zuschauer mit ein. Politiker fordern deshalb eine Schocktherapie.

Von Claudia Fromme

Manchmal, so kommt es Ludwig Geiger vor, blickt er im Dienst auf eine Wand. Auf eine Wand aus Handykameras. Eine Karambolage auf der Autobahn, ein Brand in einer Wohnsiedlung, ein Auto prallt gegen ein Haus - bevor der Notarzt eintrifft, leuchten schon die Handys. Nicht immer kommt das vor, aber durchaus so oft, dass es Geiger auffällt. Als 16-Jähriger kam er zur Freiwilligen Feuerwehr, und heute, 40 Jahre später, ist er in Gera Branddirektor und Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes. "Das Leid anderer anzuschauen ohne Not, es zu filmen, das ist krank", sagt er.

Geiger nennt sie Gaffer.Schaulustige, Zuschauer, Katastrophentouristen. Man kann nicht alle Beobachter eines Unfalls in einen Begriff pressen, im Stau auf der Autobahn wird man unfreiwillig Zeuge. Aber solche Orte extra anzusteuern? Oder zu filmen? Vor zwei Wochen raste ein Betrunkener auf der A1 bei Hamburg nachts frontal in das Auto einer Frau, es fing sofort Feuer. Ein Lübecker Berufsfeuerwehrmann war zufällig als Erster am Unfallort. Verzweifelt versuchte er mit einem Freund, die 22-Jährige zu befreien, sie baten andere Fahrer um Taschenmesser und Feuerlöscher. Keiner half. Die Lasterfahrer, die Löscher an Bord haben müssen, standen da und guckten. Die Frau starb kurz darauf im Krankenhaus.

Klaus Schlie (CDU) macht der Vorfall wütend. "An einer Unfallstelle läuft kein Film ab, das ist harte Realität", sagt Schleswig-Holsteins Innenminister. Seit Mittwoch tagt die Innenministerkonferenz in Bremen, und Schlie will dort das Thema mit seinen Kollegen besprechen. Er fordert einen härteren Kurs gegen Gaffer, eine konsequentere Verfolgung - und Aufklärung. Vielleicht müsse man unkonventionelle Wege gehen, schon in Fahrschulen Unfallfotos zeigen, als Schocktherapie, so Schlie. Er hat eine Arbeitsgruppe mit Polizisten, Feuerwehrleuten und Psychologen einberufen.

Die Innenminister Niedersachsens und Bayerns begrüßen Schlies Vorstoß, auch, weil der Hamburger Fall nicht der erste ist, in dem es Zeugen an Zivilcourage mangelt. Es gibt Fälle, bei denen Gaffer Retter behindern, Autos nicht wegparken, oder gar Feuerwehrschläuche zerschneiden, wie in Berlin geschehen; ein Haus ist so komplett abgebrannt. Die Kieler Feuerwehr berichtet von einem Mann, der sich weigerte, den Unfallort zu verlassen, er zahle schließlich Kurtaxe.

Die Masse als Problem

"Gaffen wird ein immer größeres Problem für die Rettungskräfte und die Polizei", sagt Konrad Freiberg, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Und Feuerwehrmann Geiger fragt sich, ob die Bilderflut mit dafür verantwortlich ist. Die Gaffervideos, aber auch die Fernsehbilder. Viele TV-Nachmittagsmagazine zeigten minutenlang nur Unfälle. Dass auch Feuerwehrleute Privatvideos von Einsätzen ins Internet stellen, sieht er kritisch. Sensationsmache ist ihnen aber wohl nicht zu unterstellen. "Da sehen alle endlich mal, was für einen Job wir machen", schreibt ein Feuerwehrmann im Netz.

Neugier ist keine Erfindung des Medienzeitalters, Unglücke haben Menschen schon immer angezogen. Problematisch wird der Zuschauer in der Masse. Steht eine Gruppe an einer Unfallstelle, fühlt sich keiner angesprochen. Opfer wie Helfer kennen das Phänomen. "Es nützt nichts, eine Zuschauermenge per Megaphon aufzufordern, sich zu entfernen", sagt Harald Fiedler von der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen. "Erst wenn ein Zuschauer einzeln angesprochen wird, fühlt er sich in die Verantwortung genommen." Meist helfe das, aber nicht immer, sagt Fiedler. Manche seien regelrecht im Bann der Katastrophe.

Das reine Zuschauen unter Strafandrohung zu stellen, hält Psychologieprofessor Fiedler für kontraproduktiv. "Dann würde man der sonst sehr erwünschten Kultur des Hinsehens das Wasser abgraben. Es würde weniger Ersthelfer geben, wenn sich Menschen nicht für Notsituationen anderer interessieren dürften", sagt er. Aber die von Innenminister Schlie angeführte Schocktherapie könne wirksam sein, wenn sie in Maßen angewendet wird, glaubt Fiedler. In Experimenten fand er heraus, dass gemäßigte Videoszenen eines Unfalls zu einer gesteigerten Hilfsbereitschaft führen. Beim Anschauen extremer Gräuelbilder passiere das Gegenteil. Stress lähmt das Mitgefühl.

Glück gehabt, meistens

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