Überschwemmungen Sieben Tote durch Hochwasser in Deutschland

Entwarnung für Bewohner Straubings +++ Scheitelwelle der Elbe erreicht Mühlberg in Brandenburg +++ Wegen überfluteter Kläranlagen fließt in Thüringen Abwasser in die Weiße Elster +++ Katastrophenstab drängt Bewohner des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, ihre Häuser zu verlassen +++ Hochwasser forderte bereits sieben Menschenleben

Der Tag in der Newsblog-Nachlese. Von Sophia Lindsey

Seit Tagen hat das Hochwasser Deutschland im Griff. Während die Pegel in Süddeutschland langsam sinken, beschäftigt die Flut an diesem Freitag vor allem Teile Brandenburgs und Sachsen-Anhalts. Niedersachsen, Schleswig-Holstein und das nordwestliche Brandenburg rüsten sich gegen die heranrollende Flutwelle, die am Wochenende erwartet wird. Politiker versprechen weitere Hilfen für die Hochwasseropfer.

  • Entwarnung für Straubing: Bewohner können in evakuierte Häuser zurückkehren.
  • Abwasser von 20.000 Haushalten fließt in Thüringen in die Weiße Elster.
  • Steigende Anspannung in Bitterfeld: Hier droht eine Überflutung, weil der nahegelegene Goitzschesee volllaufen könnte.
  • Verteidigungsminister Thomas de Maizière ist in die Hochwassergebiete von Sachsen-Anhalt gereist. Am Sonntag will sich auch Bundespräsident Joachim Gauck ein Bild von der Lage in den betroffenen Regionen machen.
  • Die vom Hochwasser betroffenen Länder fordern mehr Geld vom Bund und der EU.
  • Sieben Todesfälle werden bislang in Deutschland mit dem Hochwasser in Verbindung gebracht: In Sachsen-Anhalt wurde ein 74 Jahre alter freiwilliger Helfer am Donnerstagabend in Wittenberg von einem Radlader erfasst. Zuvor waren zwei Menschen bei Hilfsaktionen kollabiert und gestorben. In Baden-Württemberg starben im Zusammenhang mit dem Hochwasser ein Feuerwehrmann und zwei weitere Menschen. In Niedersachsen kam eine Frau bei schwächerem Hochwasser bereits Ende Mai ums Leben. Sie fiel vom Fahrrad, wurde in den Fluss Leine gezogen und erlitt einen Herzstillstand.

Die Entwicklungen im Überblick:

+++ MITTELDEUTSCHLAND UND BRANDENBURG +++
Hochwasser Thüringen

Bis zum Wochenende wird mit einem weiteren Anstieg der Elbe gerechnet. Tausende Einsatzkräfte und Anlieger entlang des Flusses bereiten sich bereits auf die kritische Phase vor.

In Thüringen fließt nach der Überflutung von Kläranlagen das Abwasser von 20.000 Haushalten völlig ungefiltert in den Fluss Weiße Elster. Die Kläranlagen in Greiz und Berga sind überschwemmt. "Die Technik und die Verwaltung sind abgesoffen", sagte der Greizer Bürgermeister Gerd Grüner (SPD). Die Abwässer seien nicht hochbelastet oder giftig, meldete der MDR unter Berufung auf die Werkleiterin.

Verteidigungsminister de Maizière an einer Deichbaustelle in Lödderitz

Verteidigungsminister de Maizière an einer Deichbaustelle in Lödderitz

(Foto: dpa)

In Sachsen-Anhalt ist die Lage am Freitag weiter ernst. Insgesamt mussten hier bislang mehr als 2500 Menschen ihre Häuser wegen des Hochwassers verlassen.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière reist in die betroffenen Gebiete des Bundeslands. Am Freitag besucht er zunächst Lödderitz.

Die Gefahr einer Überflutung in Bitterfeld steigt. Der Katastrophenstab hat Einwohner in Gebieten östlich der Bahnlinie dringend aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Grund seien Bau- und Sicherungsarbeiten an einem Kanal, um einen bereits seit Tagen bestehenden Deichbruch zu verschließen. Dadurch bestehe die Gefahr eines Wassereinbruchs in den Goitzschesee, in dessen Folge Teile der Stadt überschwemmt werden könnten. Bereits seit Tagen sind Tausende Bewohner aufgefordert, den Ort zu räumen. Viele sind dem aber laut Katastrophenstab bislang nicht gefolgt.

In Magdeburg wird der Pegel der Elbe vermutlich höher steigen als erwartet, aktuelle Prognosen gehen von einem Höchststand von 7,30 Metern aus. Bereits am Donnerstagabend hatte der Pegel die Höhe von 2002 deutlich überschritten: Am Morgen lag er bei einem historischen Höchststand von 7,09 Metern. Beim Jahrhunderthochwasser betrug er 6,72 Meter. Die Deiche seien aber für diese Höhe ausgelegt. Die Universität stellt ab 12 Uhr bis einschließlich Montag den Lehrbetrieb ein.

In Wittenberg hat sich am Donnerstagabend ein schlimmer Unfall ereignet: Ein 74 Jahre alter Mann kam ums Leben, als er von einem Baufahrzeug erfasst wurde, das im Sandsäcketransport im Einsatz war.

Groß ist die Sorge auch in der Stadt Halle. Hier kann "von Entwarnung keine Rede sein", zitiert die Mitteldeutsche Zeitung den Pressesprecher der Stadt. Der Druck auf die Deiche sei extrem hoch. 50.000 gefüllte Sandsäcke lägen bereit. Wegen der steigenden Gefahr von Deichbrüchen wird in der Stadt an der Saale eine mögliche Evakuierung geplant, von der im schlimmsten Fall 30.000 Einwohner betroffen sein könnten.

Sachsen wartet auf die Scheitelwelle der Elbe

Überflutete Bundesstraße 6 in Gauernitz bei Meißen

Überflutete Bundesstraße 6 in Gauernitz bei Meißen

(Foto: dpa)

In Sachsen hat das Elbe-Hochwasser seinen Höhepunkt erreicht. Bisher wurden etwa 16.000 Menschen in Sicherheit gebracht. In Dresden geht der Wasserstand zurück. Allerdings sei die Situation an den zum Teil durchweichten Deichen weiterhin problematisch, sagte ein Stadtsprecher. Während Stadtteile im Osten und Westen unter Wasser stehen, blieb die historische Altstadt mit Semperoper, Residenzschloss, Frauenkirche und Zwinger anders als vor elf Jahren verschont. Weil die Scheitelwelle ungewöhnlich lang ist, wies Innenminister Markus Ulbig (CDU) darauf hin, dass der hohe Wasserstand vier bis fünf Tage verharren werde und die Stabilität der Sandsackwälle entscheidend sei. Mehrere Hundert Dresdner wurden in Sicherheit gebracht, etwa 9000 Haushalte sind ohne Strom.

In der Sächsischen Schweiz sind ebenfalls viele Ortschaften überflutet, daneben auch Pirna, Meißen und Riesa. Die Sicherheitskräfte haben zahlreiche Häuser evakuiert.

Anspannung in Brandenburg: Der Hochwasserscheitel der Elbe hat die Kleinstadt Mühlberg (Landkreis Elbe-Elster) erreicht. Der Wasserstand lag um 12 Uhr bei 9,88 Metern und ist damit im Vergleich zum Vormittag um einen Zentimeter gesunken. Bei der Jahrhundertflut 2002 war der Fluss auf 9,98 Meter gestiegen. Die Höhe schwankt leicht. "Der Druck auf die Deiche ist enorm, deshalb bleibt die Lage hoch angespannt", sagte Wolfgang Genehr vom Landesumweltamt. An einigen Deichböschungen gibt es Sickerstellen, die abgedichtet wurden.

Innenminister Dietmar Woidke (SPD) will erneut vor Ort sein - den dritten Tag in Folge. "Es wird zur Sicherung von Mühlberg Glück gehören", sagte Woidke. Rund um die Uhr sind 600 Einsatzkräfte tätig.

Die Hochwasserlage der Spree entspannt sich leicht. Der Landrat hat die Alarmstufe vier aufgehoben, nun gilt Stufe drei von der Landesgrenze zu Sachsen bis zur Talsperre Spremberg. 

Mehr als eine Million Sandsäcke wurden landesweit verteilt. Das Wasser werde nicht rasch zurückgehen und daher noch etwa zehn Tage lang auf die Deiche drücken, sagte ein Sprecher der Koordinierungsstelle Krisenmanagement im Innenministerium.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) lobt die bisherige Hochwasserabwehr: Inzwischen seien Tausende Helfer im Einsatz, die Schlimmeres an Brandenburgs Flüssen verhindert hätten. "Es wird professionell gearbeitet."

+++ FOLGEN UND REAKTIONEN +++
Hochwasser in Bayern - Deggendorf

Die vom Hochwasser betroffenen Länder fordern mehr Geld von Bund, Ländern und der EU: Thüringens Regierungschefin Christine Lieberknecht (CDU) fordert mehr Geld von Bund und den übrigen Ländern: "Wir werden für die Beseitigung der Schäden und den Wiederaufbau erhebliche Summen benötigen", sagte Lieberknecht am Freitag im Bundesrat. Die bislang zur Verfügung stehenden Mittel reichten dafür nicht aus. Nötig sei deshalb auch Hilfe von der Europäischen Union. Der Bund und die übrigen Länder seien ebenso gefordert.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) dankte dem Bund für die zugesagte Soforthilfe von 100 Millionen Euro für die Überschwemmungsgebiete. Für den Wiederaufbau seien aber weitere Mittel nötig. Bund und Länder müssten nun zusammenstehen - ähnlich wie nach der verheerenden Flut von 2002.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet mit einem Schaden von mehr als 300 Millionen Euro für die Landwirtschaft. Mindestens 150.000 Hektar Grünland und Ackerflächen sind in den betroffenen Bundesländern überflutet worden, weitere 100.000 könnten folgen.

Die Umweltminister der Länder werden nach der Hochwasserkatastrophe eine Sonderkonferenz einberufen, bei der es ausschließlich um Verbesserungen im Hochwasserschutz und ihre Finanzierung gehe, sagte der Vorsitzende der Umweltministerkonferenz, Thüringens Ressortchef Jürgen Reinholz (CDU).

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erwartet Schäden für die deutsche Wirtschaft in Höhe von mehr als elf Milliarden Euro. "2002 betrug der durch das Hochwasser hervorgerufene volkswirtschaftliche Schaden rund 11 Milliarden Euro. In einigen Regionen dürfte das Ausmaß der Schäden eher größer sein als 2002", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer der Rheinischen Post.

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat den von Flutschäden betroffenen Bürgern weitere Unterstützung zugesagt. Die SPD fordert einen Hilfsfonds von mehreren Milliarden Euro.

Kritik am deutschen Krisenmanagement kommt aus Österreich: "Ich glaube, es waren langfristige Fehlentwicklungen, die auch teilweise vorher Experten mitgetragen haben", sagte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) vor dem Treffen der EU-Energieminister am Freitag. Dass es günstig sei, Flüsse in Korsette zu zwingen oder auf Auengebiete zu verzichten, habe sich als "eher gewagte Überlegung" herausgestellt.  Aus Deutschland kommendes Donau-Hochwasser hatte in den vergangenen Tagen eine Schneise der Verwüstung durch Österreich geschlagen.

+++ NORDDEUTSCHLAND +++
Hochwasser in Niedersachsen - Hitzacker

Voraussichtlich am kommenden Dienstag wird die Elbeflut in Niedersachen ihren Höchststand erreichen. Bis dahin bestehe aber bereits die Gefahr, dass die Deiche je nach Länge des sogenannten Hochwasserscheitels durchweichen, warnte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Die auf einer Insel gelegene Altstadt der Kleinstadt Hitzacker in Niedersachsen muss vorläufig doch nicht evakuiert werden. Es werde je nach Hochwasserstand aktuell entschieden, sagte ein Sprecher des Kreises Lüchow-Dannenberg. Die Evakuierung hätte etwa 250 Menschen betroffen. Die Insel darf allerdings von Samstag an nicht mehr von Menschen betreten werden, die nicht dort wohnen. Für den Autoverkehr wurde sie gesperrt. Die Altstadtinsel ist von Nebengewässern der Elbe komplett umschlossen. 

Der Kraftwerksbetreiber Vattenfall trifft Vorbereitungen zum Schutz des abgeschalteten Atommeilers Krümmel in Geesthacht, Schleswig-Holstein. Die Belegschaft sei darauf vorbereitet, erstmals in der Geschichte des Kernkraftwerkes bei Hochwasser die Fluttore zu schließen, sagte ein Vattenfall-Sprecher dem Manager Magazin Online. Zudem stehen mobile Schutzwände ("Dammtafeln") bereit, um das Kraftwerk vom Wasser abzuschotten.

In Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein rüsten sich für das Hochwasser: Der mecklenburgische Landkreis Ludwigslust-Parchim hat Katastrophenalarm ausgelöst. "Die Prognosen deuten auf ein Szenario hin, das wir wirklich noch niemals gehabt haben", betonte Umweltminister Backhaus.

Die Bürger im schleswig-holsteinischen Lauenburg können dagegen Aufatmen: Die ursprünglich für Samstag geplante Evakuierung der Altstadt wurde ausgesetzt, da die Flutwelle der Elbe nach den jüngsten Prognosen der Behörden niedriger ausfallen wird, als zunächst befürchtet. Statt auf mehr als neun Meter soll das Wasser am Wochenende auf 8,20 Meter steigen.

Der Hochwasserscheitel der Elbe wird Hamburg nach aktuellen Berechnungen zu Beginn der nächsten Woche erreichen. Erwartet wird in den Bereichen der HafenCity, der Speicherstadt und des Hafens lediglich leicht erhöhtes Hoch- und Niedrigwasser um etwa 40 Zentimeter.

Im Gegensatz zum eigentlichen Elbtal verfügt die Elbe im Tidebereich über sehr viel mehr Abflussraum. Deshalb sind die Auswirkungen der Flut auf Hamburg sind geringer.

+++ SÜDDEUTSCHLAND +++
Severe Rains Cause Floooding And Threaten Harvests

Landesweit stabilisiert sich die Lage in Bayern. Nur noch 41 von 239 bayerischen Pegeln registrieren Hochwasser.

In Straubing können die Einwohner aller evakuierten Ortschaften wieder in ihre Häuser zurückkehren, wie das Landratsamt am Freitagnachmittag mitteilte. Sämtliche Unterkünfte im Landkreis würden aufgelöst. Die Lage sei zwar noch nicht endgültig entschärft, entspanne sich aber aufgrund der sinkenden Pegelstände. Die Feuerwehr überwache die Deiche weiterhin, das Betretungsverbot bleibe bestehen.

Deggendorf am Freitagmorgen

Deggendorf am Freitagmorgen

(Foto: dpa)

Für Deggendorf gibt es keine Entwarnung, erst im Laufe des Tages wird mit sinkenden Wasserständen gerechnet. Die Lage im vom Hochwasser schwer betroffenen Deggendorf ist weiterhin kritisch. Wie ein Sprecher des Landratsamtes am Freitagmorgen sagte, liege der Pegelstand momentan bei etwa 7,60 Meter. Es bestehe immer noch die Gefahr, dass durchweichte Dämme brechen.

Leichte Entspannung gibt es auf den Straßen: Die Autobahn 92 bei Deggendorf ist seit 6 Uhr wieder geöffnet, wie ein Sprecher der Polizei sagte. Die A 3 sei hingegen im Hochwassergebiet weiter gesperrt. Insgesamt wurden mehr als 5000 Menschen in Sicherheit gebracht. Nach zwei Dammbrüchen in den vergangenen Tagen drohte bei Osterhofen zunächst ein weiterer. Mit 40 Lastwagen und vier Baggern versuchten Hilfskräfte, den Damm zu retten.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zeigte sich bei einem Besuch in Deggendorf sichtlich erschüttert. "Es ist unbeschreiblich schlimm. Das übersteigt alle Dimensionen", sagte er. Zuvor war Seehofer mit dem Hubschrauber über die Hochwassergebiete im Landkreis Deggendorf geflogen. Der Ministerpräsident sagte weitere finanzielle Hilfen für die Hochwasseropfer zu: "Nach den Schäden, die ich heute gesehen habe, gehe ich davon aus, dass wir noch mehr Geld investieren müssen." Bislang hatte die Staatsregierung Soforthilfen von 1500 Euro für Privatleute und 5000 Euro für Unternehmer angekündigt.

In Passau wurden nicht mehr überflutete Häuser wieder ans Stromnetz angeschlossen. Das Wasser gehe leicht zurück, meldete die Stadt.

Innerhalb von 14 Tagen soll der bayerische Umweltminister Marcel Huber (CSU) einen überarbeiteten Plan zum Hochwasserschutz in Bayern vorlegen. Dazu zählt Ministerpräsident Seehofer einem Bericht der Welt zufolge auch die Schaffung neuer Ausweichflächen für das Wasser entlang der Flüsse. Er befürwortet dabei auch Enteignungen von Grundstückseigentümern.