Turmbau in Rottweil Hoch hinaus

Wie eine riesige Kerze wird der Test-Turm nach seiner Fertigstellung über den idyllischen Ort Rottweil ragen (hier eine Computer-Simulation).

(Foto: Philipp Brem/dpa)

In Rottweil entsteht ein Turm mit der höchsten Aussichtsplattform Deutschlands. Nun soll dort auch noch die längste Hängebrücke der Welt gebaut werden. Eine Attraktion - oder schlimme Verschandelung?

Von Christoph Dorner, Rottweil

Da sind natürlich die Hunde, da ist die lange, stolze Geschichte. Den Rottweilern (nicht den Hunden) wird nachgesagt, ein besonderes Volk zu sein. So manchem Bürger ist deshalb nicht so ganz geheuer, was da gerade mit ihrem mittelalterlich geprägten 25 000-Einwohner-Städtchen geschieht: ein längst fälliger Schritt oder der Beginn eines Ausverkaufs? "Das entspricht einem Narrensprung, was Sie da machen", schimpft ein Anwohner am vergangenen Donnerstag den Herren zu, die in der voll besetzten Stadthalle ihre Vision für Rottweil vorgetragen haben.

Mit Narrensprüngen kennen sie sich in Rottweil aus, ist die schwäbisch-alemannische Fastnacht doch die größte Touristenattraktion der Stadt. Noch. Denn seit Wochen wird über den Bau einer 850 Meter langen, kostenpflichtigen Fußgängerhängebrücke diskutiert. Die Stadtspitze hofft nach der Präsentation des Brückenstandorts auf der Bürgerversammlung bald die Baugenehmigung erteilen zu können. Einigen Kritikern geht das alles zu schnell. Sie fordern einen Bürgerentscheid über das millionenschwere Investorenprojekt.

Es ist so etwas wie die Fortsetzungsgeschichte zum Turmbau zu Rottweil: In der ältesten Stadt Baden-Württembergs hat der Weltkonzern Thyssen-Krupp gerade einen 246 Meter hohen Turm mit der höchsten Aussichtsplattform Deutschlands gebaut. An seine übermächtige Präsenz gewöhnen sich die Rottweiler gerade. Nun soll die längste Fußgängerhängebrücke der Welt folgen: einmal quer über das idyllische Neckartal gespannt, bis zu 40 Meter über dem Boden und, für den Nervenkitzel, leicht schwingend.

Monatelang hatten sie in Rottweil mit sich gerungen, ob der Turm zu ihrer Stadtsilhouette passt

Die Brücke soll den Turm, in dem Thyssen-Krupp von 2017 an Aufzugsysteme für Wolkenkratzer testen wird, auf direktem Weg mit der historischen Altstadt verbinden und so pro Jahr mindestens Hunderttausend Touristen nach Rottweil locken, das zumindest hofft die Spitze der Stadt. Touristen, die mit dem Aufzug auf die Besucherplattform in 232 Meter Höhe fahren, den Panoramablick auf den Bodensee und in die Schweizer Alpen genießen - und Rottweil danach möglicherweise einfach links liegen lassen, ohne dass Handel und Gastronomie etwas davon haben. Das ist die größte Befürchtung, die derzeit in der Stadt umgeht: Dass am Ende in erster Linie Thyssen-Krupp vom Standort des Turms profitiert. Er liegt auf halbem Weg zwischen Zürich und dem Aufzugswerk bei Stuttgart. Dort durfte der Turm wegen der Nähe zum Flughafen nicht gebaut werden. Monatelang hatten die Rottweiler mit sich gerungen, ob der Hightech-Turm zur mittelalterlichen Silhouette des Städtchens passt oder nicht. Der parteilose Oberbürgermeister Ralf Broß positionierte sich klar für das Projekt und hatte am Ende eine öffentlich zugängliche Besucherplattform ausgehandelt, für die der Eintritt nicht mehr kosten soll als für den deutlich kleineren Stuttgarter Fernsehturm. Danach waren im Ort keine Gegner mehr übrig, der Turm wurde gebaut. Er wuchs in den vergangenen Monaten in den Himmel und thront nun als Betonrohbau auf einem Hügel außerhalb Stadt. Wie ein gigantischer Bohrer wird er einmal aussehen, sobald die verdrehte Textilfassade angebracht ist. Wie ein Wahrzeichen für das Land der Häuslebauer und Ingenieure, der Heimat von Bosch und Würth, wirkt er schon jetzt. Wie viel Wandel der Turm aber einmal nach Rottweil bringen wird, scheint sich erst mit dem Bau der Fußgängerhängebrücke zu entscheiden.

Am Nachmittag vor der Bürgerversammlung steht der Architekt Alfons Bürk mit einer Dokumentenmappe auf der Baustelle des Aufzugtestturms. Bürk war Anfang der Achtzigerjahre einer der Jugendlichen, die in ihrer Heimatstadt bröckelnde historische Gebäude vor dem Abriss retteten, indem sie die Sanierung in die eigenen Hände nahmen. Die Gruppe, die sich "Instandsetzer" nannte, erhielt damals den Nationalpreis für Denkmalschutz. Heute tritt Bürk als Berater der Stadt und von Thyssen-Krupp bedingungslos dafür ein, dass der Fortschritt in Rottweil einzieht. "Die Stadt hat jahrzehntelang Entwicklungen verschlafen, weil sie sich für etwas Besseres hielt", sagt Bürk. Die Hängebrücke war seine Idee. Den Investor, einen mittelständischen Stahlbauer, fand er auf der Baustelle des Aufzugstestturms. Für Bürk, dessen Rolle als Strippenzieher im Ort auch kritisch gesehen wird, geht es um etwas Grundsätzliches: "Dass der Turm heute steht, ist für mich der Beweis, dass sich in Deutschland wieder Großprojekte realisieren lassen." Oberbürgermeister Ralf Broß wird deshalb mittlerweile oft um Rat gefragt, wenn Kollegen Bauvorhaben planen, bei denen es Proteste geben könnte. In seinem Büro im Alten Rathaus erzählt Broß noch einmal von all den Anstrengungen, die man unternahm, damit sich die Rottweiler nicht übergangen fühlen. Dann sagt er: "Die Entwicklung einer Stadt ist ein dynamischer Prozess. Das war anfangs nicht in den Köpfen. Alles sollte aus einem Guss bleiben. Wir können es uns aber nicht leisten, in einem Museum zu leben."

Auf einer Postkarte sieht sich die Stadt fast auf einer Höhe mit New York, Moskau, Shanghai

Diese Einsicht scheinen einige in Rottweil zu teilen. Tausende haben die Baustelle bereits besichtigt; als der Turm vor Weihnachten angestrahlt wurde und aussah wie eine riesengroße Kerze, kamen so viele Schaulustige, dass es das erste Verkehrschaos gab. Auf einem Postkartenmotiv der Stadt prangt das spargelförmige Gebäude neuerdings neben Abbildungen weltbekannter Wolkenkratzer aus New York, Moskau, Shanghai - eine Kleinstadt frönt dem Größenwahn.

Nur wollen etliche Rottweiler da nicht so ohne Weiteres mitmachen. Sie fürchten bei der Bürgerversammlung vor allem Müll, Lärm und Verkehr, sollte die Hängebrücke gebaut werden. Aus der Vision der Projektentwickler wird ein Konzept mit vielen offenen Fragen. Die Pfarrerin Esther Kuhn-Luz erhält am Ende den größten Applaus. Sie sagt, die Stadt müsse auf ihren Charme setzen. Und nicht auf Besuchermassen.