Türkei Auftragskiller fleht um Hilfe

Ein Mann lässt sich in der Türkei für den Mord an einem Geschäftsmann anheuern, doch der Tötungsversuch misslingt. Als er sich weigert, ein weiteres Mal zuzuschlagen, wird er selbst von seinen Auftraggebern bedroht. Nun sucht der Auftragskiller Schutz - bei einem Menschenrechtsverein.

Von Kai Strittmatter, Istanbul

Fein säuberlich ist er ausgefüllt, der Antrag. Handschriftlich, im ungelenken Duktus eines Mannes, der nicht oft schreibt, der sich aber Mühe gibt. "Mein Gewissen plagt mich", steht da. "Ich bereue alles". Von dem Mann sind nur die Initialen bekannt: Ö.A.. Ein Mann, der sich anheuern ließ, um einen anderen umzubringen. Auf ein paar Zeilen erzählt er, wie es dazu kam.

Die Geschichte spielt im südanatolischen Adana. Hier also die Version von Ö.A. Sein Boss habe ihn unter Druck gesetzt, schreibt er. 500.000 Lira versprach er ihm (damals 240.000 Euro). Wenn er den anderen umlegt. Den Geschäftsmann Rahmi Bostanci. "Wenn du im Gefängnis landest, hole ich dich bald raus", habe der Boss gesagt.

Dann hätten sie sich im Büro des Bosses getroffen, um den Mord gemeinsam zu planen. Er, der Boss, dessen Sohn, außerdem zwei Polizisten: der Vizedirektor der Polizeischule M.C. und Vizepolizeichef B.T. Einfach war es nicht. Sie stellten ihrem Opfer mehrere Fallen, dreimal ging der Plan schief. Dann ein letzter Versuch. Der Polizist M.C. stoppte das Auto des Geschäftsmannes und durchsuchte es. "Als er sah, dass Bostanci keine Waffe bei sich führte, gab er mir ein Zeichen. So schoss ich auf ihn. Dann flüchteten wir."

"Sie begannen mir zu drohen"

Bostanci war nicht tot. Es hätte ein Kopfschuss werden sollen, aber Ö.A. hatte dem Geschäftsmann nur einen Streifschuss verpasst. Seine Komplizen sagten Ö.A. hernach, er solle sich ergeben. Er ergab sich, saß acht Monate im Gefängnis. Als er wieder draußen war, wollte der Boss, dass er noch einmal auf Bostanci schießt. "Aber sie gaben mir mein Geld nicht. Und sie begannen mir zu drohen", schreibt Ö.A..

Er hatte nun Angst. Und er fasste einen Entschluss: Er wollte sich offenbaren und die Bande verpfeifen. Aber nicht bei der Polizei, wie auch, wenn die halbe Bande aus Polizisten bestand. Also ging Ö.A. zum IHD: Der Auftragskiller suchte Schutz beim türkischen Menschenrechtsverein.

"Jetzt bin auch ich in ihrem Fadenkreuz. Ich bitte um Ihre Hilfe". So schließt der Antrag, den er beim IHD in Adana einreicht, am 6. Januar 2011. "Jeder hat das Recht, bei uns einen Antrag zu stellen", sagt Osman Kara vom IHD in Adana der SZ. "Wir hatten so etwas auch noch nie erlebt. Aber der Mann sagte, er sei in Lebensgefahr."

Die Zeitung Taraf hat den Fall diese Woche bekannt gemacht. Sie sprach auch mit dem Opfer, dem Geschäftsmann Bostanci. Dieser bestätigte weitgehend den von Ö.A. beschriebenen Tathergang und erklärte, die Bande habe ihn um vier Millionen Lira betrogen, und ihn, als er sein Geld zurück haben wollte, dank der Beziehungen der Polizeibeamten selbst ins Gefängnis gebracht. Bostanci stellte nach dem Mordversuch 2010 Anzeige gegen elf Personen unter anderem wegen Betrugs, Amtsmissbrauchs und Anstiftung zum Mord. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein: Die Vorwürfe seien "unbegründet".

Möchtegernkiller Ö.A. ist noch am Leben, er sitzt im Moment im Gefängnis, wegen eines anderen Prozesses. Die von ihm beschuldigten Polizeibeamten sind auf freiem Fuß.